Punks und Raver in der Limmatstadt
Von David Sarasin. Aktualisiert am 15.03.2012
Mother's Ruin - «Godzilla» (1979)
Es ist nicht lange her, als Zürich noch kein Nachtleben hatte. Discos schlossen in den 80er-Jahren noch um 24 Uhr und an sogenannte Szene-Bars war damals nicht zu denken. Stattdessen bevölkerten die Jugendlichen private Keller und öffentliche Plätze und bahnten sich ihren Weg später in einem beharrlichen Kampf für Freiräume und Subkultur. Das Ergebnis war eine blühende alternative Szene – die bis heute auf unterschiedlichste Weise nachwirkt: Mehr als 50 Clubs bieten Woche für Woche Tausenden von Gästen Platz und die Street-Parade gehört zu den alljährlichen Feiern wie etwa der Opernball.
Kulturelle Quantensprünge
Wer dieser Entwicklung von 0 auf 180 auf die Spur kommen möchte, kann dies auf der neu gestalteten Website www.definitiv-zh.ch anhand der Zürcher Musikszene tun. Mehr als 200 Zürcher Bands von 1976 bis heute sind darauf mit Hörbeispielen vertreten. Für jedes Jahr haben die Macher der Seite zudem Texte und Interviews aus Zeitungen oder Fanzines zusammengetragen, welche die kulturellen Quantensprünge der Stadt Zürich exakt nachzeichnen. Vorausgegangen sind dem Projekt die beiden Musiksampler «Definitiv 1 & 2», die 1986 beziehungsweise 2003 erschienen sind (beide sind heute vergriffen).
Vom Punk, der in Zürich früh schon eigenständig interpretiert wurde, bis zur grossen Techno-Bewegung in den 90ern ist auf der Website alles dokumentiert. Ein gewisser Enzo Esposito etwa formuliert 1976 schon exakt das, was die ersten Punks in London ausgemacht hatte: «Die Düsternis der Siebziger schrie nach Befreiung. Rockmässig gab es ausser Langeweile und zappaesken Gähn-Intellektualismen eigentlich nur (…) Suzi Quatro oder Glitterrock.» Später waren es die Nasal Boys, TNT oder Kleenex, die Zürich zu einer der ersten Städten des europäischen Festlands mit lebendiger Punkszene machten.
«Zwinglianischer Groove»
Ähnliches lässt sich über die zweite grosse Zürcher Bewegung sagen, die sich 1992 in der ersten Street-Parade bemerkbar machte. DJ Styro 2000, Techno-DJ der ersten Stunde, entgegnete der skeptischen Haltung der damaligen Stadtregierung in der WOZ: «Das lustbetonte Leben eckt natürlich an und gerät gerade hier in Zürich mit dem zwinglianischen Groove in Konflikt. Vielleicht besteht auch die Angst, die Bewegung könnte zu gross und unkontrollierbar werden.»
Musikalisch birgt das grosse Musikarchiv aber nicht nur Interessantes. Vieles von damals ist zurecht in Vergessenheit geraten und bloss noch von nostalgischem Wert. Anderes dagegen, wie zum Beispiel «Campari Soda» der Zürcher Gruppe Hertz, oder auch unbekanntere Sachen, wie etwa die groovende Funk-Band W84, sind heute noch aufregend aktuell. Die Kultband Baby Jail ist im Archiv ebenso vertreten wie EKR, seines Zeichens Dialekt-Rapper der ersten Stunde. Und House-Musiker Kalabrese fehlt ebenso wenig, wie die experimentierfreudige Big Zis oder die junge Rockfrau Evelinn Trouble.
Idealisten
So fügt sich alles zu einem grossen, bunten Mosaik des Zürcher Musikschaffens. Die wichtigste Erkenntnis, die die Website aber birgt: Es war ein beharrlicher und aufreibender Kampf einiger Idealisten, der aus Zürich schliesslich das machte, was es heute ist: Eine Stadt mit lebendiger kultureller Szene. Damit sie sich weiterhin entwickeln kann, brauchts auch in Zukunft ebensolche Idealisten. Dokumentiert wird ihre Musik alsdann auf der Website: www.definitiv-zh.ch.



