Mein Ding
Von Max Küng. Aktualisiert am 05.04.2012
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Ausstellung: FREITAG – Out of the Bag.
390 Tonnen LKW-Planen pro Jahr, knapp fünf Dutzend Modelle, 130 Angestellte, 400 Absatzpartner – und jetzt auch noch eine Ausstellung: Bis Ende Juli ist im Museum für Gestaltung sieben Tage die Woche Freitag. «Fast 20 Jahre nachdem in einer WG im Zürcher Industriequartier der Freitag-Taschen-Prototyp entstand, ist der Moment gekommen, aufzuzeigen, wie und warum das ‹Erfolgsmodell Freitag› eigentlich funktioniert», erklärt Kuratorin Renate Menzi. «Nicht nur, weil die Tasche in puncto Funktionalität, Nachhaltigkeit und Ästhetik top ist und als Meilenstein der 90er-Jahre sogar Einzug in die Designsammlung des New Yorker Moma gehalten hat. Sondern auch, weil sich im Familienbetrieb Freitag vom Entwurf bis zum Marketing alles in Zürich abspielt und sich so beispielhaft ein Designunternehmen in seiner ganzen Vielschichtigkeit aufzeigen lässt.»
Taschen gibts, abgesehen von besagtem Prototyp, in der Ausstellung nicht zu sehen. Dafür aber viel staubfreies Archivmaterial, einen versierten Bag-Designer beim Zuschneiden (immer mittwochs, 1317 Uhr) sowie jede Menge Videos, in denen die geschäftstüchtigen Zürcher Brüder aus dem Nähkästchen plaudern. Auch, aber nicht nur für Fans. (psz)
Lieber Markus, Lieber Daniel,
Die Firma Freitag an dieser Stelle erklären zu wollen, das wäre ja, als würde man in einer von euren Taschen zwölf Eulen nach Athen tragen. Deshalb möchte ich mich nur kurz verbeugen vor euch und dem, was ihr geleistet habt – und noch dies hier anmerken:
Dass ihr nun im Museum der Stadt angekommen seid (siehe Text nebenan), in der ihr wirkt, das freut mich sehr, denn nun kann man dort in Ruhe euer bisheriges Schaffen überblicken. Es ist viel geschehen in den letzten 19 Jahren, seit ihr auf diese irrsinnige Idee gekommen seid, aus alten Lastwagenblachen Taschen zu nähen. Ihr wisst ja wohl besser als viele andere: Ein Ding ist nie bloss ein Ding, sondern besteht aus vielen Einzelteilen. Und genauso ist eure Geschichte auch eine Sammlung von Geschichten – und nicht zuletzt besteht sie auch aus den Geschichten der Leute, die je eine Freitag-Tasche kauften. Auch ich werde zurückdenken und einen schönen Schnitz meines Lebens überblicken, mich erinnern an den Menschen, der ich einmal gewesen bin.
Ich weiss noch: Meine Freitag-Tasche kaufte ich, als ihr noch keine eigenen Ladengeschäfte hattet, es muss wohl 1994 gewesen sein. Sie war der totale Geheimtipp, und man bekam sie in Basel nur dort, wo sie gebraucht wurde: beim Velokurier. Sie hatten dort glaubs vier Stück zur Auswahl. Meine Tasche ist nun volljährig, und ich kann zwar nicht sagen, dass sie ausschaut wie am ersten Tag, aber sie hat sich gut gehalten. Und vor allem etwas kann ich sagen: Sie ist wirklich verdammt stabil, also gut gemacht, denn in all diesen Jahren kam sie ziemlich herum und hat einiges mitmachen müssen – das Letzte etwa, was in ihr transportiert wurde, das waren drei pralle Bundesordner mit Unterlagen für die Steuerverwaltung. Diese Tasche ist kein Modeartikel, sondern ein wahrhaftiger Transporter, ein Lastenviech, ein Arbeitsinstrument.Kurzer Blick zurück: 1993 entsteht der erste Prototyp, der 1997 in die Sammlung des Museums für Gestaltung in Zürich aufgenommen wird. 1999 habt ihr den Design-Preis Schweiz erhalten. Vier Jahre später kommt eure Tasche in die Sammlung des Museum of Modern Art in New York. Es hagelt Preise und Auszeichnungen. Und stetig weitet ihr euer Angebot und Imperium aus. Die Eroberung der Welt durch eine Tasche aus Zürich, sie hat eben erst begonnen.
Dass man eine Idee hat, die gut ist, das ist eine Sache. Dass man diese Idee dann zu einem Produkt bringt, das funktioniert, ist eine andere. Es ist aber nochmals eine ganz und gar andere Sache, dieses Produkt zum Erfolg zu führen über eine zeitliche Distanz von Tausenden von Tagen. Und ja, es gibt wohl keinen anderen Begriff, der besser beschreibt, was ihr geschafft habt, als das schöne Wort Erfolgsstory. Die Zahlen, unglaublich: 300 000 Produkte stellt ihr jährlich her. Ihr habt eigene Läden in Berlin, New York, Tokio, anderswo. Ihr beschäftigt über 130 Mitarbeiter. Ihr habt in Zürich-West 17 Frachtschiffcontainer gestapelt und in ein Ladenspektakel transformiert. Und ihr glaubt an den Werkplatz Zürich, habt eben erst eine neue Fabrik gebaut, in Oerlikon.
Für mich seid ihr wie Rolex: Ihr habt ein Objekt geschaffen, das sich in kleinen Details immer der Zeit anpasst und darum immer modern bleibt, im Wesen aber bleibt die Tasche immer die Tasche, die sie immer war, unverkennbar Freitag halt. Lieber Markus, lieber Daniel, ich ziehe meinen Hut vor diesem Werk, dem eurigen.
Max Küng, Autor beim «Magazin», schreibt den Erfindern der Lastwagenplanen-Tasche, Markus und Daniel Freitag. 2001 war Küng bereits an einem Buch über Freitag beteiligt. Das Verhältnis des Autors zur Tasche ist emotional beladen. Trotzdem ist er bereit, sich von seinem über 18 Jahre alten Exemplar zu trennen: Das flammendste Mail (redaktion@zueritipp.ch) wird mit diesem Stück aus der allerersten Produktionsserie belohnt. Die Tasche in Szene gesetzt hat «Tages-Anzeiger»-Fotograf Reto Oeschger.
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10 KOMMENTARE
ist leider nicht so meine Sache. wenn man für ein Projekt alte planen erwerben will (da diese natürlich günstiger sind), ist das nicht möglich, da diese alle an Freitag gehen... finde ich nicht sehr fair...
Auch diese Lobhudelei macht die Taschen nicht schöner. Praktisch aber eine Beleidigung für jedes Auge!
Freitag-Taschen sind doch mittlerweile auf einer Stufe mit Delphin-Tattoos auf dem Schulterblatt oder Miss Sixty Jeans für 45jährige. Next. Ist doch sowas von 2010 sich auf den Lorbeeren auszuruhen und ein Konzept bis zur Unendlichkeit auszuschlachten. Es bedarf einer Neuerfindung.
Von welcher Erfindung ist hier die Rede? Kunststoffe zu verwenden? Freitag-Taschen stinken, und nicht zu wenig!!! Haptik ist auch ein Fremdwort. Weiss nicht wieso diese Tasche hier gehypt und gehaetschelt werden. Ist das sentimentale, schweizer Nabelschau in der Tagi-Redaktion? Und leider versteigt sich der von mir geschaetzte Max Küng beim Rolex-Vergleich rettungslos.
Schade das sich der eine Herr Freitag, nachdem er mir ein Angebot für ein gefundenes Freitag Fixie machte, dann doch klangheimlich einen Rückzieher gemacht hat. Das ist eigentlich alles was mir zu Freitag in den Sinn kommt: Ungehaltene Versprechen.
Mir schauderts vor dem Anblick dieser Taschen. Gründsätzlich finde ich sie zwar toll gemacht. Aber die Tatsache das jeder metrosexuelle Hipster mit so einer rumläuft nimmt ihr jeden Charme.
Ich kann mich dem nur anschliessen: Seit 1998 gibts für mich keine andere so multipel einsetzbare unverwüstliche Reisetasche/Handtasche/tragbare Garderobe/tragbarer Einkaufswagen/Rucksack/Kissen etc. etc. Danke Markus und Daniel :)
P.S. Lead ist inkorrekt, die Tasche steht bereits seit 2003 im MoMA rum.



