Tages-Anzeiger



«Mach Aufruhr!»

Von Aufgezeichnet von Corina Freudiger. Aktualisiert am 30.11.2011

Die Autorin Marlene Streeruwitz liest in Zürich. Ulrike Ulrich moderiert den Abend und erzählt dem Züritipp, warum sie seit langem ein grosser Fan der Österreicherin ist.

Marlene Streeruwitz, eine mutige Autorin mit einem analytischem Blick.

Marlene Streeruwitz, eine mutige Autorin mit einem analytischem Blick.
Bild: Peter Rigaud


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«Marlene Streeruwitz ist eine äusserst kluge, feinsinnige und sehr moderne Autorin. Vielen ist sie als Feministin bekannt, aber in ihren Texten geht es um Ungerechtigkeiten und Übergriffe in einem umfassenderen Sinne: um gesellschaftliche Machtverhältnisse und ihre Auswirkungen. Die schlagen sich auch in der Sprache nieder – man kann Streeruwitz’ Texte nicht lesen, ohne sich der Sprache bewusst zu sein. Wenn zum Beispiel eine Person nur als Objekt des Satzes vorkommt. Da steht dann etwa: ‹Das passierte ihr› oder ‹es zerstört ihn›. Oder sie schreibt in kurzen, unvollständigen Sätzen und bricht so die Sprache in ihre Einzelteile auf. Subjekt – Prädikat – Objekt, diese Ordnung stellt Streeruwitz bewusst infrage. Neulich stand in einer Kritik zu ihrem neusten Roman, die Sätze darin seien wie Gewehrsalven. Für mich ist Streeruwitz’ Sprache eher wie eine Melodie, sie entwickelt einen unglaublichen Sog, trotz der vielen Punkte. Ich habe als Leserin keine so grosse Ehrfurcht vor Punkten.

Streeruwitz’ Figuren sind sich der Schwierigkeit ihrer Verhältnisse meistens bewusst. Im neuen Roman ‹Die Schmerzmacherin› geht es um eine junge Frau, die in einer privaten Sicherheitsfirma arbeitet und dabei in fürchterliche Situationen hineingezogen wird. Das ist spannend, auch weil die Autorin die Lesenden lange im Ungewissen lässt, ob sie ‹bloss› eine Trainingssituation oder den Ernstfall beschreibt.

Streeruwitz’ Figuren sind nicht einfach Opfer oder Täter. Die Frage ist immer: Wer hat die Macht in welcher Situation? Die analytische Sicht auf die Dinge, die Art, wie Streeruwitz unsere Lebensbedingungen aufdröselt, hat einen hohen Erkenntniswert. Vielleicht, weil das Erzählen so nah dran ist an den Figuren, sie nicht blossstellt. Ich habe beim Lesen schon oft gedacht: ‹Ja genau!› Aber auch: ‹Krass, so habe ich das noch nie angeschaut!›

Auf die Moderation im Literaturhaus freue ich mich, weil ich Marlene Streeruwitz nicht nur als Schriftstellerin sehr schätze, sondern auch als geistreiche, humorvolle und überraschende Gesprächspartnerin. Und sie ist in der Tat eine Autorin, die sich exponiert, die einsteht für Dinge, die ihr wichtig sind. Erst kürzlich hat sie in einem Artikel aufgezeigt, wie die Sprache, in der aktuelle politische Debatten geführt werden, verhindert, dass eine ernsthafte Diskussion stattfindet. Sie hat auch ein Manifest geschrieben, eine ‹Theorie der Romane›, da steht: ‹Vergiss Provokation und Revolution. Mach Aufruhr. Mach Aufruhr und halt es aus.›

Diese Konsequenz macht mir Mut. Überhaupt finde ich das: Streeruwitz macht Mut!»

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