Konzerte in exklusiven Kreisen
Von Tom Hellat. Aktualisiert am 29.09.2011
Richard Wagner als Don Juan
Ein mittelloser Asylant war Richard Wagner, als er 1849 nach Zürich kam. Aber er konnte sich nicht nur auf seine musikalischen, sondern auch auf seine «Socializing»-Fähigkeiten verlassen. So fand er in Otto Wesendonck einen grosszügigen Mäzen, der ihn finanziell unterstützte und ihm auch gleich noch ein Häuschen an der Gablerstrasse schenkte. Diese Abhängigkeit hielt Wagner jedoch nicht davon ab, Wesendoncks Frau Mathilde vor aller Augen Avancen zu machen. Er verzehrte sich nach dieser «süssen Madonna, deren Augen sich nach dem Nirwana sehnen». Eigens für sie führte Wagner eine «Serenade à la Don Juan» auf. Nicht aber etwa bei sich zu Hause oder im Konzertsaal. Nein, im Treppenhaus der neuen wesendonckschen Villa (heute das Rietberg-Museum) sollte es sein. Zu allem Unglück führte sich Wagner bei diesem Anlass so auf, als wäre er der Gastgeber höchstpersönlich. Sehr zum Missfallen des eifersüchtigen Otto Wesendonck, des eigentlichen Hausherrn. Ein Skandal. Wagner versprach später schuldbewusst, von Mathilde Abstand zu nehmen. Nicht aber von seiner lieben Angewohnheit der Hauskonzerte. (tht)
Eine Villa am Zürichberg: Überwachungskameras und ein grosses Stahltor. Eine Haushälterin lässt das Tor öffnen und gewährt Einlass in ein verstecktes Paradies: ein Herrschaftstrakt mit vorgelagerten Terrassen, ein Park, der sich lieblich an den Berg schmiegt. Rhododendren blühen, und ein Gärtner schneidet die Rosen.
In dieser Idylle wird aber auch gearbeitet. Man hört es. Immer und immer wieder dieselbe Stelle. Das nächste Konzert steht nämlich an. Das Amar-Quartett hat sein Übungslokal hier im Keller der Villa - wobei Keller vermutlich falsche Assoziationen weckt. Denn er ist ein eigentlicher Konzertsaal. An jeder Wand hängen Klassiker der Moderne. Anna Brunner ist Mitbegründerin des preisgekrönten Ensembles. Sie sagt: «Dass wir regelmässig und in Ruhe in einem solchen Raum üben dürfen, ist natürlich ein Glücksfall.» Manchmal spielt das Amar-Quartett hier gar vor einer kleinen Schar von Gästen.
An solchen Orten wie hier am Zürichberg wird die Kultur der Hauskonzerte hochgehalten. Das heimische Wohnzimmer wird zum Konzertsaal und der Kleiderständer der Grossmutter zur Garderobe. In diesem intimen Rahmen werden auch Karrieren gefördert. «Aus den Gesprächen mit den Zuhörern ergibt sich manchmal der nächste Auftritt, und echte Fans sieht man auch später bei den öffentlichen Konzerten wieder», erklärt die Violinistin Brunner.
Lange galten Hauskonzerte als antiquiert. Eine Tradition, die dem Bildungsbürgertum vorbehalten war und wo verkrampfte Klavierschüler vor elitärem Publikum spielten. Oder wie Elfriede Jelinek in ihrem Buch «Die Klavierspielerin» die Gastgeber eines Hauskonzerts verächtlich beschrieb: «Diese Menschen lieben Musik und wollen, dass auch andere dazu gebracht werden. Mit Geduld und Liebe, wenn nötig mit Gewalt.» Heutzutage handelt es sich allerdings um sehr friedliche, vor allem freiwillige Zusammenkünfte. Anstelle der Etikette der Adeligen herrscht nun Lockerheit.
Ein Hauskonzert, was ist das eigentlich? Zunächst wird man von jemandem eingeladen, der erstens eine Affinität zur Musik und zweitens ein Wohnzimmer besitzt, in dem neben dem Klavier oder dem Streichquartett auch noch mehrere Zuhörer Platz finden. Der Kreis der Einladenden und der Zuhörenden ist somit begrenzt, was das private Konzert exklusiv und damit noch reizvoller macht. Diese traditionelle Salongeselligkeit mit privaten Aufführungen hat die Entwicklung der Kammermusik entscheidend mitgeprägt. Im 19. Jahrhundert hatten die Konzerte in der Villa Wesendonck einen herausragenden Ruf; dort waren Richard Wagner (siehe auch S. 7), Hans von Bülow oder gar Franz Liszt zu Gast, und die Musikdarbietungen wurden in den grossen Tageszeitungen besprochen. Etwas von diesem Glanz ist auch heute in Zürich bei manchem Hauskonzert noch zu entdecken. Etwa bei der Familie Albers.
Musik statt Glamour
Grosszügige Räume - an den Wänden Fresken mit Leier spielenden Putten: So sehen Wohnzimmer und Salon der Familie Albers aus. Und sie füllen sich regelmässig mit Konzertbesuchern. Nicht mit irgendwelchen beliebigen. Denn Barbara Albers möchte ausserhalb des normalen Konzertbetriebs Freunde und Bekannte mit Künstlern bekannt machen. Dafür geht sie häufig auf die Musiker zu - Georgy Gromov hat sie etwa beim Géza-Anda-Wettbewerb in der Schweiz kennen gelernt - und versteht sich auch als diskrete Förderin. Wenn ein so talentierter junger Pianist aus Russland bei den Albers musiziert, kann es durchaus vorkommen, dass sich der Intendant einer grossen Musikinstitution unter den Gästen befindet.
Trotzdem: Albers will keinen Gucci und keinen Prada, kein Sehen und Gesehenwerden. Das hat Platz in den Premieren der grossen Häuser, aber nicht in ihrem Wohnzimmer. Dort stehen junge Musiker im Vordergrund, die sie fördern will.
Wo Liebhaberei auf Erfahrung trifft
Eve und Walter Landis haben sich den Traum vom Hauskonzert mittlerweile mehr als 150-mal erfüllt. Ihr Haus in Meilen liessen sie damals mit mehreren ineinander übergehenden Räumen bauen, sodass die Zimmerfluchten den Hauskonzerten ein schönes Ambiente geben. Die ausgebildete Musikerin wusste schon früh, dass sie in den eigenen vier Wänden Konzerte veranstalten wollte. Ihr Mann sei der Laie, sagt sie lachend, sie die Expertin. Er lasse sich darum gerne für die niederen Dienste einspannen: Klavier rücken oder aufräumen. Sie selbst ist für das Künstlerische zuständig: Musiker auswählen oder ein Programm austüfteln. Bis zu 80 Besucher strömen für ein Konzert ins Haus der Landis’, darunter auch Persönlichkeiten aus Kultur und Politik.
Dennoch versteht das Ehepaar Landis die Musikabende nicht als elitäre Veranstaltung. «Wir haben auch schon Abende veranstaltet, zu denen die ganze Gemeinde eingeladen war.» Und in den Programmen setzen sie gerne einen Kontrapunkt zum Mainstream der Abonnentenkonzerte in Zürich. Da rattert schon mal ein englisches Ensemble alle Beethoven-Sonaten in jeweils zwei Minuten runter, oder es gibt eine Uraufführung des befreundeten Komponisten Robert Blum. Den Gastgebern geht es um das besondere Erlebnis. Umso besser, wenn die einstigen Hausmusiker später berühmt werden. Jeder Veranstalter erzählt gern, wer von den Grossen noch vor ein paar Jahren an seinem Kamin gespielt hat. Genauso kann es auch vorkommen, dass Eve Landis sozusagen über einen Strassenmusiker stolpert und ihm eine Plattform gibt.
Einige ihrer Gäste gingen nur selten in die Tonhalle oder ins Opernhaus, erzählt Eve Landis. «An einem Hauskonzert ist die Schwellenangst aber geringer.» Und gerade beim riesigen Konzertangebot - überall Stars und Wunderkinder - sei das Musizieren im kleinen Kreis zu Hause eine Abwechslung. «Und auch der Aufwand eines Hauskonzerts ist nicht allzu gross», erzählt die Hausherrin. «Bei uns müssen alle die Plastikstühle wieder selber in das Gartenhäuschen stellen.»
Halb Party, halb Konzert
Die Abts stammen aus einer Zeit, als das gemeinsame Musizieren in der WG zum Lebensstil gehörte. Heute sind Roberto Abts Haare zwar etwas kürzer geschnitten, und er besitzt eine Beratungsfirma. Er ist aber immer noch der Meinung, dass die Menschen die Musik bei sich zu Hause lebendig halten sollten. «Musik muss man fühlen», sagt Abt. Dazu brauche es nicht Expertise, sondern Herz. Und das erweicht bei vielen, wenn sie Stuhl an Stuhl im Wohnzimmer sitzen, nur ein paar Meter vom Künstler entfernt. Einige, sagt er, habe er bei den Konzerten schon weinen sehen. Auch Besucher, die ihm eigentlich «tough» und «zugeknöpft» vorgekommen seien.
Gelöst geht es dann auch nach den Konzerten weiter. Bei Speis und Trank erhalten Gespräche und Bewegung den gebührenden Platz. Vor allem die Bewegung: Denn nach dem Hauskonzert wird im Hause Abt zum Tanz aufgespielt. Da steppt dann die Enkelin mit dem Grossvater und die Nachbarin mit dem Pianisten.
Das Interesse der Männer ist geweckt
Der junge Christoph Scheffelt wurde, wie seine Kollegen vom Amar-Quartett, schon oft in die Villen zum Musizieren geladen. Auch für den Pianisten ist ein Hauskonzert etwas Besonderes. Da fühle er sich «zu Hause». Und das merke man auch der Musik an. Gerade in der Intimität gelingt es ihm, eine Intensität zu schaffen - selbst in technisch herausfordernden Stücken. Und mit kurzen Erzählungen nimmt der Musiker jeweils Kontakt mit den Zuhörenden auf - im Konzertsaal fast ein Tabu. Auch für Anna Brunner ist diese Nähe zum Publikum wichtig. Ebenso wichtig ist der Chefin des Amar-Quartetts aber auch, Neues auszuprobieren. «In einem solchen Rahmen geht dies eben sehr gut.»
Die Funktion des Musizierens in zwangloser Atmosphäre hat sich in der Hausmusik seit den musikalischen Salons des 18. Jahrhunderts kaum verändert: Interpreten können im kleinen Kreis auf sich aufmerksam machen. Und ja, Amüsantes hat Scheffelt bei Hauskonzerten auch schon erlebt: Da entwickelten die Damen im Publikum ein auffälliges Interesse an seinem Klavier, während die Herren sich für das Instrument seiner Kammermusikpartnerin interessierten.
Eine Welt des Luxus
Dieses Publikum stammt meist aus der obersten Gesellschaftsschicht. Es ist eine Welt des Luxus, die für Scheffelt und Brunner wenig greifbar ist. Dieser Aspekt stört die beiden Musiker aber nicht. Christoph Scheffelt fühle sich als Künstler «sowieso privilegiert». Franz Liszt hat dies seinerzeit noch ganz anders empfunden. Er sei in den Pariser Salons nur «Unterhaltungsquelle vornehmer Gesellschaften», in die er jedoch nicht aufgenommen werde, mokierte er sich. Stattdessen herrsche eine «schlecht verhehlte Erniedrigung des Künstlers zum Bedienstetenstande».
Dies scheint heute nicht der Fall zu sein. Es geht vielmehr darum, einen Raum für Musik zu schaffen. Solche Anlässe bieten Gelegenheit, gerade Klassik in ungezwungener Atmosphäre zu hören. Dabei lässt sich gut über die Zukunft der Kunstmusik nachdenken. Etwa: ob sie sich immer im Konzertsaal ereignen müsse.
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7 KOMMENTARE
Mein Partner und ich waren für ein Catering engagiert worden in einem Haus, in dem für den Geburtstag der Hausherrin und nur 15 Gäste ein Privatkonzert mit drei Profimusikerinnen von der Tonhalle Zürich organisiert wurde. Die Stimmung war unbeschreiblich und die Akustik fantastisch. Ein unvergessliches Erlebnis über das wir heute noch reden.
In W'thur zweimal erlebt, anlass überhaupt nicht pompös, betulich oder eingebildet. Ueberaus warme und freundliche atmosphäre. Exklusiv ja, aber nicht zum selbstzweck. @Hans Vögtlin: auch klassische musik ist heute massenkultur und konservenkultur. Manches jazzkonzert und rockkonzert ist exklusiver als manches klassische konzert (dh es gehen weniger leute hin). Mit allem respekt Herr Vögtlin, Sie kennen sich in der welt der musik offenbar nur in einer ecke aus, massen sich aber ein gesamturteil an. Ist halt wie immer ein vorurteil.
Als junge Frau habe ich dies in einem bürgerlichen Haus in einem Pariser Vorort erleben dürfen. Meine Freundin war eine Musikerin und sie und ihre Freunde hatten fast jede Woche ein Hauskonzert in einem anderen Haus. Das war die Norm und nichts teures oder nur für die Reichen.
Lebe in NZ, lese jeden Tag die Presse und bin zufaellig auf den Artikel gestossen, Hut ab, ist schoen, dass es auch in der Schweiz wieder Hauskonzerte gibt. Ich habe mein Haus so gebaut, dass es diese Funktion auch hat und veranstalte Hauskonzerte 4 -5 mal pro Jahr um junge Menschen zu foerdern und Gelegenheit zu geben oeffentlich zu musizieren und die Buehnenangst los zu werden. Webseite:gregor@morandini.co.nz fuer weitere Info.
Bis zum Ersten Weltkrieg war es in grossbürgerl. Kreisen üblich, private Konzerte in geschlossenem Rahmen durchzuführen. Dass es das heute beinahe esoterisch innerhalb der trostlosen Massen- "kultur" von Rock, Jazz uäm. vereinzelt immer noch gibt, ist er- staunlich und und beglückend. Natürlich handelt es sich um Exklusivität., aber das war klassische Kunst schon immer.Die Masse liebt das Durchschnittlich-Unterhaltende und ist ihr gutes Recht. Jedem das Seine.



