Tages-Anzeiger



Janis: Little Girl Blue

Klischees zerstören

Von Thomas Bodmer. Aktualisiert am 13.01.2016

Dieser Dokumentarfilm lässt ahnen, wie Janis Joplin wirklich war.

So cool gab sich Janis Joplin nur abseits der Bühne.

So cool gab sich Janis Joplin nur abseits der Bühne.

Janis: Little Girl Blue

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Ein früher Tod ist der Karriere förderlich: Im Gegenlicht der Ewigkeit verblassen alle Unzulänglichkeiten, die Verklärung nimmt ihren Lauf. Und so ­figuriert Janis Joplin denn auf der «Rolling Stone»-Liste sowohl in der Kategorie ­«Beste Sängerin» als auch «Beste Künstlerin aller Zeiten» weit oben. Joplin selbst sah das ?anders: Sie habe Kraft, sagte sie, und mit der Zeit werde sie vielleicht auch noch gut.

Dies erfährt man aus Amy J. Bergs ­Dokumentarfilm «Janis: Little Girl Blue», und das macht dessen Stärke aus: Da werden nicht einfach Klischees wiedergekäut, sondern öfter mal zerstört. Beliebt ist auch die Aussage, Joplin sei frei von Manierismen gewesen, da sei alles im Moment erfunden worden. Im Film sagt sie, vom Soulsänger Otis Redding habe sie die Wiederholung der Floskel «You gotta, gotta» übernommen. Aber, gestand sie 1968 dem Radiomann Studs Terkel, die Subtilität der Jazzsängerin Billie Holiday oder der Soulsängerin Aretha Franklin gehe ihr völlig ab: «Dafür brauche ich noch ein paar Jahre.»

Die waren ihr nicht gegönnt: Am 14. Oktober 1970 starb sie in einem Motelzimmer in Los Angeles an einer Überdosis Heroin. Der Film folgt ihrem Leben von der Geburt 1943 in Port Arthur, Texas, über ihre Studentenzeit in Austin – sie wurde von den lieben Kommilitonen zum «hässlichsten Mann (!) auf dem Campus» erkoren –, den Durchbruch in San Francisco mit der Band Big Brother and the Holding Company über die Solojahre bis zu ihrem Tod. Dabei kommen viele Verwandte und Weggefährten zu Wort, die beim ersten Statement auch brav vorgestellt werden. Doch nach zehn weiteren weiss man nicht mehr: Ist das jetzt der Bruder oder ein ehemaliger Lover? Der Film setzt auch voraus, dass man selbst merkt: Ah, da hat Janis also auch einmal mit Mitgliedern der Band Grateful Dead herumgealbert.

Stark sind aber all die Interviews mit ihr – Janis Joplin war eine sehr sympathische Frau, die im Gegensatz zu heutigen Stars frisch von der Säuferleber weg redete – und ihre Briefe, die Chan Marshall (bekannt als die Sängerin Cat Power) vorliest. Und spätestens bei einer Liveversion von «Ball and Chain» wird einem klar, warum Janis Joplin ihr Publikum als Performerin dermassen faszinierte: Da brannte jemand auf der Bühne lichterloh.

Janis: Little Girl Blue

Regie:Amy Berg
Produktion:USA 2015; 103 min.
Genre:Documentary, Music
Erstaufführung:14.01.2016
Darsteller:Janis Joplin, Cat Power, Peter Albin, Sam Andrew, Karleen Bennett

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