Kleine Lügen, grosse Wahrheiten
Von Yann Cherix. Aktualisiert am 02.02.2012
Location
| Name: | |
| Adresse: |
Infos
Datum und Uhrzeit
3 Aktivistengruppen im Dada-Haus
Das Duo Yes Men, massgeblicher Teil der New Yorker Occupy- Bewegung, spricht im Dada-Haus über die globale Revolution. Die Diskussion findet im Rahmen der seit Anfang Dezember stattfindenden antikapitalistischen Ausstellung statt. Neben den wohl berühmtesten Guerilla-Aktivisten der Welt ist Reverend Billy, ein konsumkritischer (falscher) Priester, Teil des Diskussionsabends. Daneben dürfte die russische Voina-Gruppe für eine ernste Note sorgen: Zwei Mitglieder sitzen zurzeit aus politischen Gründen in Moskauer Gefängnissen. (cix)
28. September 2011, 11.15 Uhr, BBC-Nachrichten: Ein Börsenspekulant ist live zugeschaltet und sagt, dass er sich auf die Rezession freue, weil sich damit richtig viel Geld verdienen lasse. Sein schockierend ehrliches TV-Statement zur Finanzkrise geht sogleich um die Welt. Endlich spricht einer mal Klartext. Während die Moderatoren sich noch über einen Primeur freuen, folgt bereits der erste gehässige Kommentar. Die spanische Finanzministerin höchstpersönlich bezeichnet den Kommentar als verrückt und unmoralisch.
Nukleare Abfälle im eigenen Garten
Alle fragten sich damals: Wer ist dieser Mann? Auf jeden Fall kein echter Insider, wie das englische Staatsfernsehen später zerknirscht einräumen musste. Und dann hiess es: Die Yes Men steckten dahinter. Bis heute ist nicht restlos geklärt, ob die Guerilla-Aktivisten tatsächlich für die Aktion verantwortlich waren. Mike Bonanno, die eine Hälfte des US-Duos, sagt dazu nur: «Dieser Trader ist ein guter Mann.» Man hört ihn förmlich durchs Telefon schmunzeln. Mike Bonanno und Andy Bichlbaum operieren stets nach dem gleichen Muster, sie nennen es etwas schönfärberisch: die Methode der Identitätsanpassung. Dabei verwandeln sie sich in Vertreter der herrschenden Klasse – und sprechen dann Themen an, die den Reichen und Mächtigen ungelegen sind. So geschehen beim Wahlkampf von George W. Bush. Da demaskierten sie 1999 mittels einer offiziell wirkenden Internetseite (gwbush.com) die Haltung des Republikaners und forderten die Wähler auf, zukünftig nukleare Abfälle im eigenen Garten zu lagern sowie ihre Kinder in den Krieg zu schicken.
Mike Bonanno, Hochschullehrer und Multimediakünstler, freut sich heute noch über diese Aktion, die den damaligen Präsidentschaftsanwärter fuchsteufelswild werden liess und den Weg des Duos vorzeichnete. «Das Internet macht solche Aktionen möglich. Es ist diese neue Macht, die wir nutzen», so Bonanno.
Darf man das?
Das gleiche Täuschungsmanöver im Cyberspace wiederholten die zwei New Yorker mit der Welthandelsorganisation WTO («Sklavenarbeit ist gut.»), sowie mit Dow Chemical, einem Chemieunternehmen, das für eine Umweltkatastrophe im indischen Bophal bis heute jegliche Verantwortung von sich weist. Dieser Fall zeigt aber auch die Gefahren, die solche Aktionen in sich bergen. Denn als Bonanno und Bichlbaum im Namen des Chemie-Multis den Opfern endlich Entschädigungen versprachen, weckte dies bei den Betroffenen in Indien Hoffnungen – die später enttäuscht wurden. Darf man das? Ist Fälschen in Diensten einer guten Sache legitim? Mike Bonanno kennt diese Vorwürfe, routiniert kontert er: «Wir lügen bei einer kleinen Sache, um an eine grosse Wahrheit heranzukommen.» Der Zweck heiligt also die Mittel? «Mmh ... schliesslich haben wir uns der blöden Aufgabe verschrieben, die Leute darauf hinzuweisen, dass man den Planeten vielleicht mal retten sollte.»
Mit diesem hehren Ziel vor Augen stehen die Yes Men für eine neue Generation von subversiven Klassenkämpfern, die sich im Internetzeitalter dem plakativen Aktionismus verschrieben haben. Ähnlich wie Filmemacher Michael Moore greifen sie potente Unternehmen und doppelzüngige Politiker zuweilen ruppig-direkt an. «Wir wollen halt einfach die Message rüber bringen», erklärt Mike Bonanno mit Engelsstimme. Das mag nicht immer ausgewogen sein, witzig und unterhaltsam ist es alleweil. Denn den Mahnfinger heben die Yes Men stets mit einem Grinsen im Gesicht. Die Satire verwenden sie bewusst als Stilmittel, gibt Bonanno zu: «Die Menschen befassen sich so eher mit unbequemen Informationen.» Ein Beispiel: Wie bringt man das Thema «Ausbeutung der Arbeitnehmer in Drittweltländern» an die Frau oder den Mann? Die Antwort gibt ein Dokumentarfilm über die beiden: Man schaut den Yes Men zu, wie sie sich inkognito an eine Konferenz der Textilindustrie einladen lassen und dort der versammelten internationalen Wirtschaftselite im Namen der WTO einen goldenen Ganzkörperanzug (siehe Bildstrecke) mit integrierter Kamera präsentieren. Künftig könnten alle Arbeitnehmer so ständig überwacht werden. Der Anzug löst bei den Anwesenden nur ein ratloses Schulterzucken aus, die meisten starren nur die grosse, phallusartige Ausstülpung an. Als Zuschauer glotzt man zuerst ungläubig mit und amüsiert sich über die absurde Szenerie – bis einem bewusst wird, dass niemand der Anwesenden gegen diesen menschenverachtenden Vorschlag protestiert hat. Und dann beginnt man nachzudenken.
Kommentar schreiben
3 KOMMENTARE
ich verfolge die yes-men schon einige zeit und bewundere ihre aktionen. es braucht nicht nur mut dazu, sondern auch schauspielerisches talent und selbstbewusstein, um zb. an einem kongress auf die bühne zu stehen und einen solchen vortrag zu halten,worin den managern ein bitterbös-zynischer spiegel vorgehalten wird. solche typen bräuchte es mehr. man muss die entscheidungsträger dazu zwingen,sich gewisse moralische gedanken zu machen. damit das gelingt,muss man ihre aufmerksamkeit haben (kritische artikel lesen sie nämlich einfach nicht,das ist sehr einfach): und dies geht am besten auf deren eigenem parkett (börsennachrichten,kongresse etc). super !! ich kann den dok-film über die yes-men auch sehr empfehlen.
Im Mittelalter hatten die Narren die wichtige Aufgaben den Mächtigen einen Spiegel vorzuhalten und unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Allerdings soll das einigen von ihnen den Kopf gekostet haben. Worauf sich einige lediglich aufs Spassmachen konzentriert haben. Wir brauchen in unserer Spassgesellschaft wieder die wirklichen Narren, die sich nicht scheuen, anzuprangern, was in der heutigen Welt schief läuft.
Was für eine Frage: hat uns je ein Mächtiger, oder ein möchtegern Mächtiger gefragt, ob uns passt, was er vor hat? Was in den Köpfen von Wirtschafts- und Politikmensch vorgeht, war schon früher und ist heute noch mehr - a) suspekt, weil jene am aussterben sind, die wahrhaft Gutes für Welt & Mensch tun wollen - b) zumeist Interessenvertretung dahinter steckt c) nur kurzfristig gedacht & geplant wird d) die wahren + grossen Bösewichte NICHT aufgegriffen & zur Rechenschaft gezogen werden.



Von klein auf kompetent: Der «züritipp» Newsletter bringt Ihnen täglich Tipps für Kino, Musik, Theater, Kunst & Gastro.