Tages-Anzeiger



«Ich nehme die Schattenseiten in Kauf»

Aktualisiert am 13.01.2016

Anna Shcherbakova, das Mädchen aus der Provinz, hat es auf die grosse Bühne geschafft. Die Primaballerina des staatlichen Russischen Balletts Moskau sagt, wie es hinter den Kulissen aussieht und wie realistisch entsprechende Kino- und TV-Serien wirklich sind.

Pro Saison 90 Mal den Klassiker des Balletts tanzen. Nicht nur für die Ballerina eine Herausforderung.

Pro Saison 90 Mal den Klassiker des Balletts tanzen. Nicht nur für die Ballerina eine Herausforderung.


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Primaballerina Anna Shcherbakova.

Das Ballett der Ballette

Kaum zu glauben: Tschaikowskys «Schwanensee», uraufgeführt 1877, war anfangs ein Flop. Heute ist das Märchen von den ­verwunschenen Schwänen, die nachts zu Frauen aus Fleisch und Blut werden, das Ballett der Ballette. Die Inszenierung des Staatlichen Russischen Balletts Moskau zeigt das Stück in seiner reinsten Form. Tanzschritte, Kostüme und Bühnenbild stehen ganz in russischer Tradition. Der künstlerische Leiter Wjatscheslaw ­Gordejew, ehemaliger Star des Bolschoi-Theaters, sieht sich als Bewahrer der klassischen Ballettkultur. Im Original endet die ­Geschichte im Drama. Doch seinen «Schwanensee» tanzt das ­Moskauer Ensemble zum Happy End.

Die Welt des Balletts feiert ein Revival in Fernsehserien wie «Flesh and Bone» oder «Breaking Pointe». Erkennen Sie sich in diesen fiktiven Geschichten wieder?
Es gibt durchaus Parallelen zu meinem Leben. Schweiss, Tränen und Blut, die extrem harte Körperarbeit gehören zum Alltag einer Ballerina. Eifersucht, Neid und Aggression hingegen werden im Film dramatisiert. Das habe ich persönlich unter Tänzern noch nie so erlebt.

Aber Spitzenrollen sind rar, die Zahl ambitionierter Ballerinas ist gross. Da muss doch der Umgang ein rauer sein.
Glücklicherweise habe ich nie Druck oder Eifersucht seitens meiner Kolleginnen gespürt. Wir sind ein Team, das ein Ziel hat: dem Publikum eine perfekte Show zu zeigen. In anderen Theatern sind negative Emotionen durchaus Teil des Tänzerdaseins. Schliesslich ist jeder Tänzer ambitioniert und will sein Können auf der Bühne zeigen. Manche tun alles, um an grössere Rollen zu kommen.

Seit zehn Jahren verkörpern Sie die Märchenrollen des weissen und schwarzen Schwans. Routine oder noch immer Leidenschaft?
Ich habe den «Schwanensee» mit 18 Jahren zum ersten Mal getanzt. Seither schlüpfe ich in einer Saison fast 90 Mal in diese Doppelrolle. Für mich ist das noch immer eine Herausforderung, gerade weil wir das Stück so oft aufführen. Doch der «Schwanensee» bleibt ­eines meiner Lieblingsballette.

Im Thriller «Black Swan» spielt Natalie Portman diese Doppelrolle: den unschuldigen weissen als auch den dämonischen schwarzen Schwan. Wie erleben Sie selbst diese Verwandlung?
Nicht so drastisch wie im Film – und doch sind Ballerinas auch Menschen. Wenn ich mich müde oder traurig fühle, ist es emotional ein­facher, den weissen Schwan zu tanzen, weil die Rolle melancholischer ist.

Hand aufs Herz: Mit welchem Schwan können Sie sich stärker identifizieren?
Am Anfang fiel mir diese Verwandlung ­innerhalb einer einzigen Vorstellung schwer. Ich fühlte mich dem schwarzen Schwan näher, weil ich seinen Charakter besser spürte. Im Moment bin ich enger mit dem weissen Schwan verbunden. Die Rolle ist emotional schwieriger zu ­tanzen, weil ich die Gefühle auf der Bühne wirklich durchlebe.

Wann haben Sie beschlossen, Ballerina zu werden?
Ich erinnere mich, dass ich als kleines Mädchen nicht viel essen mochte. Meine Grossmutter ermahnte mich immer, dass ich so niemals gross und kräftig werden würde. Ich habe ihr geantwortet, dass das nicht nötig sei, weil ich eine Ballerina werden wolle.

Tänzerin zu werden, bedeutet harte Arbeit bereits als Kind. Inwiefern war Ihre Kindheit anders als die Ihrer Freundinnen?
Dass ich in eine Akademie kam, war Zufall. Ein Ballettlehrer entdeckte mich, als ich für mich allein übte. Er brachte mich an die Staatliche Hochschule für Choreografie in Perm. Ich lebte in einem Wohnheim, weit weg von meiner Familie. Oft vermisste ich meine Eltern so sehr, dass ich aufgeben und nach Hause zurückkehren wollte. Am Ende war die Lust am Tanz aber stärker als das Heimweh.

In Russland gibt es die besten Ballettschulen, wo Mädchen und Buben bereits im Alter von neun Jahren gedrillt werden. Wie muss man sich das russische System vorstellen?
Seit meiner Ausbildung ist der Druck noch stärker geworden. Die Anforderungen sind enorm gestiegen. Die Kinder müssen noch besser sein und härter arbeiten, die Lehrer bauen noch mehr Druck auf. Tanz ist Knochenarbeit. Das müssen auch die ganz Jungen verstehen. Sie stehen unter ständiger Beobachtung: Schaffen sie es oder nicht? Und doch sind viele russische Mädchen entschlossen, diesen Weg zu gehen.

Sie zwingen Ihrem Körper immer noch täglich perfekte Haltungen auf. In welchen Momenten ist Tanzen für Sie eine Tortur?
Manchmal bin ich müde, traurig, aufgebracht. Und ja, es kann vorkommen, dass ich dann nicht tanzen mag. Aber in solchen Momenten sage ich mir, dass ich dem Publikum eine gute Performance schulde. Auch wenn Körper oder Seele schmerzen, reisse ich mich zusammen und zeige mich von meiner Sonnenseite.

Ist es wirklich so einfach?
Wissen Sie, ich kann es kaum glauben, dass ich als Primaballerina auf den Bühnen dieser Welt tanze. Ich bin schlicht dankbar für das, was ich als Tänzerin erreicht habe. Deshalb nehme ich auch die Schattenseiten in Kauf.

Zum Beispiel nicht viel essen zu dürfen?
Das ist ein Vorurteil! Im Gegenteil, wir ­Tänzerinnen sind Athletinnen. Die tägliche Körperarbeit ist extrem fordernd. Wir müssen uns ausgeglichen ernähren, um bestehen zu können.

Eine Ballettkarriere ist ein harter Weg mit kurzem Höhepunkt. Sie sind jetzt 28 Jahre alt. Wovon träumen Sie nach dem Ende Ihrer aktiven Bühnenkarriere?
Ich denke immer öfter darüber nach, was meine nächsten Schritte sein könnten. Noch fehlt mir ein konkreter Plan. Aber ich weiss, dass ich weiterhin im Kunstbereich tätig sein möchte, wenn auch in anderer Form. Mein grösster Traum ist, eines Tages Mutter zu werden.

Wenn das Leben ein Ballett wäre, welche Rolle würden Sie darin spielen?
Es wäre die Doppelrolle des weissen und des schwarzen Schwans. Beide Charaktere erleben Höhen und Tiefen des Lebens, so wie ich sie in meinem Alltag auch erlebe.

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