Tages-Anzeiger



Die dunkle Seite des Mondes

«Ich habe nie solche Pilze genommen»

Interview: Yann Cherix. Aktualisiert am 21.01.2016

Martin Suters zweiterfolgreichster Roman ist nach 15 Jahren verfilmt worden. Was hält der Bestsellerautor davon? Und welche Drogenerfahrungen – ein zentrales Thema des Buchs und des Films – hat er selbst gemacht?

Der Wirtschaftsanwalt Urs Blank (Moritz Bleibtreu) ist auf einem besonderen Trip.

Die dunkle Seite des Mondes

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Martin Suter

Die dunkle Seite des Mondes

Wirtschaftsanwalt Urs Blank (Moritz Bleibtreu) ist auf dem Weg nach oben. Eine kurz vor der Vollendung stehende Firmenfusion soll zum Karrierehöhepunkt werden. Dann lernt Blank zufällig die schöne Lucille kennen, die ihn auf einen Trip mit halluzinogenen Pilzen mitnimmt. Die Drogenerfahrung wird zum Horror. Was waren das bloss für Pilze, die sein Leben komplett aus den Fugen haben geraten lassen? In der Hoffnung, in sein altes Leben zurückzufinden, macht sich Urs Blank auf die Suche nach den raren Pilzen. Regisseur Stephan Rick serviert ein düsteres, bilderstarkes Psychogramm, das dem Kernthema der Suter-Vorlage – der fragilen Trennlinie zwischen Zivilisation und Wildheit – würdig Rechnung trägt. Ein schwitzender, augenflackernder Moritz Bleibtreu führt ein überzeugendes Schauspieler-Ensemble an. Den Fans des Buches dürften aber die Waldszenen zu kurz geraten sein. (cix)

Martin Suter, Ihre Romane sind beliebte Vorlagen für Filme. In den letzten fünf Jahren kamen fünf Ihrer Bücher auf die Kinoleinwand. Aber ausgerechnet bei der Geschichte, die noch heute vielen als cineastischstes Suter-Stück gilt, haperte es. Es brauchte 15 Jahre. Warum hat es so lange gedauert?
2000 kam der Roman raus. Der Schweizer Produzent Marcel Höhn hat die Option auf die Rechte sofort gekauft. Er hatte wie ich das Poten­zial gesehen: ein Abenteuerroman mit einem ­Je­kyll-und-Hyde-Element. Und dem Wald als Bühne. Perfekter Stoff fürs Kino. Aber aus diversen Gründen hat der «Schweizermacher»-Produzent davon keinen Gebrauch gemacht. Danach gingen die Rechte an Nicolas Duval, der später dann den Hit «Intouchables» realisieren sollte. Und von ihm gingen sie weiter, bis sie schliesslich bei der jungen Produktionsgesellschaft landeten, die den Film jetzt realisiert hat.

Erleichtert?
Die Erleichterung ist sicherlich kleiner als die Überraschung, dass der Film gut geworden ist.

Sie finden also, die filmische Umsetzung Ihres Romans – nach «Small World», noch immer der zweiterfolgreichste – ist gelungen?
Ja. Es ist die bisher beste Um­setzung eines Buches von mir.

Warum?
Das Ganze ist glaubwürdig, und ich fands spannend, obwohl ich das Ende ja schon kannte. Es gibt wunderbare Bilder des Waldes. Bilder, wie ich sie noch nie gesehen habe, mit einer ganz neuen Spezialkamera gedreht.

Und die Schauspieler?
Ich habe meine Figuren schnell wieder­ge­funden und brauchte keine Angewöhnungszeit. Lucille ist sogar fast genau so, wie ich sie mir beim Schreiben vorgestellt habe.

Der Protagonist Urs Blank, von Moritz Bleibtreu gespielt, isst zum ersten Mal in seinem Leben psychoaktive Pilze. Wie fanden Sie die filmische Umsetzung des Trips, der sein Leben verändern sollte?
Ich hatte immer gedacht, man müsse diese Szenen so drehen, dass die Zuschauer selber auf den Trip kommen. Aber ich finde diese ganz andere Lösung im Film sehr gelungen. ­Obwohl: Ich kann nicht aus eige­ner Erfahrung sprechen. Ich habe in meinem ganzen Leben nie solche ­Pilze genommen.

Tatsächlich? Sie beschreiben in Ihrem Buch aber ziemlich ausführlich und stimmungsvoll die Wirkung der Droge.
Ja, sogar Albert Hofmann, der Entdecker von LSD, hat mir damals zu den Schilderungen des Trips gratuliert. Ich muss offenbar nicht ganz falsch gelegen haben.

Entsprang also alles nur Ihrer Fantasie?
Es gab schon damals im Internet sogenannte Trip-Reports. Menschen erzählen da von ihren Drogenerfahrungen. Diese Lektüre hat mir stark geholfen beim Schreiben. Geholfen haben mir auch einige Erfahrungen mit Gras in Afrika. NNG, Natural Nigerian Grass, wie der Musiker Fela Kuti es nannte.

Erzählen Sie! Nun, ich war 1977 für das Magazin «Geo» in Nigeria und interviewte den grossen Fela Kuti. Der Afrobeat-Musiker lebte in Lagos in einem riesigen Haus mit zwölf Frauen. Da sass ich also zusammen mit anderen Journalisten in Kutis ­Salon und wartete auf eine Audienz. Dann ging ein riesiger Joint rum, ich zog nur zwei-, dreimal daran. An das anschliessende Interview mit Fela Kuti kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiss nur noch, dass ich von dem, was er sagte, kein einziges Wort verstand. Ich schrieb dann trotzdem etwas nieder, irgendetwas. Der nüchterne Kollege aus den USA hatte sich danach aber meine Notizen angeschaut und gefunden, dass sie ziemlich gut das wiedergaben, was Kuti gesagt hatte. ­Seltsam: Ich hatte kein Wort verstanden, und doch irgendwie alles mitbekommen.

Was hat diese Erfahrung mit Ihnen gemacht? Nichts. Ich hatte an diesem Abend zwar ein interessantes Gespräch mit imaginären Bekannten – vor meinem Hotelzimmerspiegel. Aber am nächsten Tag war wieder alles gut.

Ihrer Figur ergeht es ganz anders: Nach dem Horrortrip gerät das Leben des erfolgreichen Wirtschaftsanwalts komplett aus den Fugen. Er durchbricht seine Hemmschwelle und zieht sich immer mehr zurück; zum Schluss führt er gar ein solitäres Leben im Wald. Im Film fällt dieses fürs Buch tragende Thema komplett weg. Hat Sie das nicht geschmerzt?
Der grösste Teil der Robinsonade fällt weg, ja. Den Protagonisten zieht es zwar immer wieder in den Wald, aber er lebt nicht darin, wie im ­Roman. Und nein, gestört hat mich das nicht. Das war eben eine Entscheidung der Filmemacher. Sie haben eher den Wirtschaftsskandal betont.

Sie haben in Bezug auf die Verfilmung Ihrer Bücher einst gesagt, dass Sie Ihr Baby gerne aus der Hand geben. Ich kann Ihnen nicht so recht glauben.
Wenn ich einen Roman herausbringe, schliesse ich mit ihm ab. Punkt. Ich kann da wirklich gut loslassen.

Und trotzdem ist es noch immer Ihre Geschichte, Ihr Herzblut, das da drinsteckt. Hätten Sie nicht gerne mehr Einfluss auf die Verfilmungen?
Ich habe tatsächlich in den Verträgen eine Klausel, die besagt, dass ich wenigstens bei der Auswahl der Produktionsfirma mitreden darf. Bei diesem Film war das aber ausnahmsweise nicht der Fall. Aber was wäre denn die Alternative? Das Drehbuch selber schreiben? Dann müsste ich ja aus meinem Fertigprodukt wieder eine Rohversion machen. Das will ich nicht. Ausserdem reden bei Drehbüchern zu viele Leute drein und sind die Honorare für Schweizer Drehbuchautoren nach wie vor tief angesetzt. Da schreibe ich doch lieber an einem neuen Roman.

Wie gerade jetzt. Sie werden uns wohl kaum verraten, um was es in Ihrem nächsten Roman gehen wird?
Das sehen Sie richtig.

Sie haben mal erzählt, dass Ihr zweiter Roman ein Flop war, der nie publiziert wurde. Heisst das, dass «Die dunkle Seite des Mondes», Ihr offiziell zweites Stück, sozusagen aus dessen Trümmern entstanden ist?
Auch das sehen Sie richtig. Der Roman hiess «Die Gedächtnislagune» und handelte von einem Blackout. Beim Schreiben dieser Geschichte ­hatte ich einen entscheidenden Fehler gemacht: Ich kannte das Ende nicht. Da war von Anfang an der Wurm drin. Meine Lektorin fragte nur, als sie das Manuskript zum ersten Mal gelesen ­hatte: «Wie findest du es denn?» Da wusste ich, dass es nicht gut war. Ich versuchte, das Ganze zu retten, arbeitete nochmals sechs Wochen daran. Es ­nützte alles nichts. Ich musste die Geschichte ­begraben.

Ein harter Moment.
Ja. Aber der Verlag stand hinter meiner Entscheidung, sie pushten nichts. Daniel Keel gratulierte mir gar zu meiner Entscheidung. Das war ein grosses Glück. Denn Diogenes schützte mich somit davor, einen Zweitling zu veröffentlichen, der sich vielleicht als Handicap herausgestellt hätte.

Stattdessen schrieben Sie «Die dunkle Seite des Mondes».
Ich befand mich damals in Ibiza, meinem Zweitwohnsitz. Ich wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass der nächste Roman mit Wald zu tun haben würde. Um mich ins Thema einzustimmen, hatte ich Fotos vom dortigen Waldboden gemacht. Diese nahm ich mit nach Guatemala, hängte sie in meinem Arbeitszimmer auf und ­begann zu schreiben.

Was hängt denn zurzeit so an der Wand Ihres Schreibzimmers?
(wägt lange ab, schmunzelt dann) Also gut: ein Elefant.

Die dunkle Seite des Mondes

Regie:Stephan Rick
Produktion:Germany, Luxembourg 2015; 97 min.
Genre:Thriller
Erstaufführung:21.01.2016
Darsteller:Jürgen Prochnow, Moritz Bleibtreu, Nora von Waldstätten, André Hennicke, Yves Robert Schaaf

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