Tages-Anzeiger



The Hateful Eight

Die Versehrte

Aktualisiert am 27.01.2016

Man erkenne sie erst, wenn sie einen Drink, ein Messer oder eine Spritze in der Hand halte, schrieb man über Jennifer jason Leigh. Doch ein Oscar blieb ihr bisher verwehrt. Ob es jetzt dank Tarantino klappt?

Jennifer Jason Leigh als Frau, die man zu hassen liebt.

Jennifer Jason Leigh als Frau, die man zu hassen liebt.

The Hateful Eight

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The Hatefull Eight

Widerwillig lässt ein Kopfgeld­jäger (Kurt Russell), der eine einträgliche Gefangene (Jennifer Jason Leigh) an den Galgen liefern soll, weitere Passagiere in seine Postkutsche. Als die Reisenden in ­einer Raststation Zuflucht vor einem Schneesturm suchen, treffen sie auf noch mehr undurchsichtige Gestalten. Sosehr man ­Tarantinos Dialoge schätzen mag und seine selbstreferenziellen Gags, hier wird seine Verliebtheit in die eigenen Ideen zum Problem. Die Wortschwälle lassen die Exposition zu den frivolen Blutrünstigkeiten länger dauern als die gesamte Laufzeit der meisten Filme. Da das finale Blutbad auch nicht die emotionale Befriedigung seiner beiden vorherigen Werke gewährt, wirkt dieser Quasselwestern ermüdend. (jum)

Dem Filmkritiker Roger Ebert standen die Haare zu Berge, als 1982 die Coming-of-Age-Komödie «Fast Times at Ridgemont High» ins Kino kam. Nicht wegen des deutschen Verleihtitels «Ich glaub’, ich steh’ im Wald», sondern wegen einer bis dahin unbekannten jungen Schauspielerin namens Jennifer Jason Leigh. «Wie konnten sie so eine frische und fröhliche Person in so eine Jauchegrube von Film stecken?», empörte er sich. «Wissen die nicht, dass sie einen Star vor sich haben?» Die Highschool-Geschichte avancierte Ebert zum Trotz zum Kultfilm, und mehrere der darin auftretenden Nachwuchsdarsteller wurden berühmt: Sean Penn, Nicolas Cage (der sich damals noch Nicolas Coppola nannte) und Forest Whitaker.

Und Leigh? Ihre Karriere verlief zunächst steinig. Sie spielte in Low-Budget-Thrillern und Horrorfilmen mit, auf die Eberts eingangs zitiertes Verdikt besser gepasst hätte als auf die doch ganz lustige Teenie-Komödie. Zwischen Quasi-Exploitation-Filmen wie «Flesh and Blood» (1985) und B-Film-Perlen wie «The Hitcher» (1986, beide mit Rutger Hauer) etablierte sie sich im Rollenfach der fragilen, beschädigten und neurotischen Frau, das sie auch in anspruchsvolleren Filmen bediente. Die Schauspielerin, die nach eigener Aussage «ein echtes Problem mit klischierten Frauenrollen» hat, spielte mehrmals Prostituierte (etwa in «Last Exit to Brooklyn», 1989), Drogensüchtige und Trinkerinnen (am grandiosesten als von Neid zerfressene Möchtegern-Sängerin in «Georgia», 1995) und in einem ihrer seltenen Mainstream-Erfolge, «Single White Female» (1992), eine täuschend harmlos anmutende Psychopathin. Das Magazin «Rolling Stone» schrieb über sie, man erkenne Leigh immer erst dann wieder, wenn sie einen Drink, eine Spritze oder ein Messer in der Hand halte.

Nachdem sie sich in Robert Altmans Meisterwerk «Short Cuts» (1993) als mürrische Telefonsex-Anbieterin hervorgetan hatte, gelangte sie durch die Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Todd Solondz, David Cronenberg, Jane Campion oder Charlie Kaufman in den Ruf einer Independent-Film-Ikone. Doch die Oscar-Nominierung, die man ihr seit den frühen 90er-Jahren vorausgesagt hatte, liess auf sich warten. Bis Quentin Tarantino die mittlerweile 53-Jährige für «The Hateful Eight» besetzte, einen Quasselwestern mit Krimiplot. Und auch in ihrem Fall erweist sich der Regisseur als grosser Karriere-Beleber.

In «The Hateful Eight» ist Leigh als die Gesetzesbrecherin Daisy Domergue die pure Verkörperung des Glamours der Verdammten, geschmückt mit blauem Auge und Eisenkette, die sie an ihren Häscher (Kurt Russell) fesselt. Wie brutal er sie auch misshandeln mag, nie lässt sie sich ihre genüssliche Bösartigkeit austreiben, Schläge quittiert sie mit einem vor Hass funkelnden Grinsen, als wäre sie die Urahnin von Batmans Joker. Dies als frauenfeindlich zu brandmarken, zielt an der Sache vorbei. Denn Tarantino verteilt seinen immensen Sadismus gleichmässig auf alle zwielichtigen Figuren, die sich da als unfreiwillige Schicksalsgenossen während eines Schneesturms in einer Hütte verschanzen. Weniger ausgewogen wird die Sympathie gelenkt. Hier hat Samuel L. Jackson den Löwenanteil, vielleicht gerade wegen der widerwärtigen Episode, die er beisteuert. Aber der Film gehört trotzdem Jennifer Jason Leigh; denn ihre Figur ist die, welche zu hassen man liebt.

The Hateful Eight

Regie:Quentin Tarantino
Produktion:USA 2015; 167 min.
Genre:Crime, Drama, Mystery, Thriller, Western
Erstaufführung:28.01.2016
Darsteller:Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Walt Goggins, Demian Bichir

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2 KOMMENTARE

Matthias Ettlin

05.02.2016, 14:45
star5

Ich fand "The Hateful Eight" richtig grossartig und ich habe jede Sekunde genossen. Der Film wirkt wie aus der Zeit gefallen, besonders was die Bildsprache, die Musik und die ausufernden Tarantino-typischen Dialoge betrifft. Ein Film, wie man ihn heute leider nicht mehr oft zu sehen bekommt - und daher wohl gnadenlos am Mainstream vorbeikrachen wird.


Diego Petraccini

04.02.2016, 08:20
star1

Habe schon lange nicht mehr einen Film in der Pause verlassen. Aber es war ein derart endloses Geplapper ohne wesentliche Handlungen, einfach nicht zum aushalten. Dabei hätte man aus der Geschichte durchaus einen spannenden Western machen können. Aufgrund der Schauspieler, der eindrücklichen Bilder und nicht zuletzt wegen dem Trailer, wartet man schon eine zeitlang darauf, dass die Handlung endlich losgeht. Aber nein...