Tages-Anzeiger



Die Rückkehr des Meisterkochs

Aktualisiert am 10.02.2016

Für den Shootingstar der Spitzengastronomie steckt seine Heimatstadt voller Erinnerungen. Eine Fahrt mit dem Dolderbähnli – zurück zu den Wurzeln.

Die Bank neben der Führerkabine der Dolderbahn ist Nenad Mlinarevics Stammplatz.

Die Bank neben der Führerkabine der Dolderbahn ist Nenad Mlinarevics Stammplatz.

Nenad Mlinarevic schnappt sich zielsicher den Platz neben der Führerkabine des Dolderbähnli. Dort hat er sich schon immer hingesetzt. «Als Kind bin ich an den Abenden oft den Berg hoch- und runtergefahren. So konnte ich mit meinem Vater plaudern und ihm seine Schichten als Bahnführer unterhaltsamer gestalten», sagt der Sohn serbischer Einwanderer, der im Kreis 7 aufwuchs und diese Gegend bis heute am liebsten mag.

Mit einem kurzen Ruckeln fährt das rote Bähnli los. Vorbei an der Station Titlisstrasse und dem Waldhaus Dolder geht es in Richtung Dolder Grand. Kurz nach dem Waldhaus taucht zwischen den kahlen Bäumen ein Tenniscourt auf. Mlinarevic muss lachen. Dann taucht der Küchenchef des mit zwei «Michelin»-Sternen und 18 «Gault Millau»-Punkten prä­mier­ten Restaurants Focus im Parkhotel Vitznau in seine Vergangenheit ab. Er deutet mit dem Zeigefinger auf den mit altem Laub bedeckten Sandplatz ?und sagt: «Hier habe ich so manchen Kampf mit meinem Bruder ausgetragen. Weil er sechs Jahre ?älter ist als ich, hat er immer gewonnen – und ich vor Wut das Racket zertrümmert oder nach ihm geworfen. Heute bin ich nah am ersten Sieg dran, vielleicht müsste ich ihn bald herausfordern.»

Auch Eishockey hat Mlinarevic hier oben gespielt, durchaus ambitioniert. Weil die Mutter seiner häufigen Erkältungen wegen besorgt war, dauerte die Karriere bei den GC-Piccolos jedoch nur ein Jahr. «Ich hätte gerne weitergespielt», sagt der 34-Jährige, den man sich mit seiner schlanken Statur und dem gepflegten Äusseren nicht recht in einer Hockeyausrüstung vorstellen kann.

Mit dem Skateboard zu Tal

So konzentrierte sich Nenads sportlicher Ehrgeiz fortan auf den Fussball – er durfte sogar einmal ein Probetraining bei den Junioren von GC absolvieren – und auf das Skateboarden. Seine Spezialität waren rasante Fahrten vom Dolder zum Römerhof hinunter. «Durch die Bremsmanöver mit den Füssen reduzierten sich die Sohlen meiner Schuhe jeweils drastisch, und meine Mutter musste sich wieder ärgern», erzählt Mlinarevic.

Nach Zürich kommt er im Schnitt noch einmal in der Woche. «Für Geschäftstermine oder um meine Familie und Freunde zu besuchen, die hier wohnen», sagt er. «Aber auch zum Ausgleich. Ich brauche die Stadt, ihren Puls und ihre Lebhaftigkeit. Hier gibt es fast alles, und durch die Kompaktheit kommt man schnell von A nach B. Zürich ist spannend, auch in der Gastronomie passiert eine Menge.»

Mlinarevic verfolgt die kulinarische Entwicklung in seiner Heimatstadt mit grossem Interesse. Im Alltag sei er gleichwohl ein unkomplizierter Esser. Mit einer erstaunlichen Vorliebe: «Die Pommes im Dolder-Wellenbad mochte ich immer sehr. Schön versalzen mussten sie sein.» Inzwischen geht er gerne auf ein Clubsandwich in die Lounge des Hotels Park Hyatt, auf eine Pizza ins Miracle im Seefeld oder für Asiatisches ins Nagasui am Schanzengraben. Für einen Drink schätzt er Talacker- oder Kaufleuten-Bar.

Und wie stehts mit den Erinnerungen an den Ausgang? «Damit habe ich erst sehr spät angefangen, mit 18. Zu dieser Zeit hatte ich auch meine erste Freundin. Vorher interessierte mich das alles irgendwie nicht. Sport war mir wichtiger.» Der Ausgang führte meist ins Kaufleuten («Ich hatte die blaue Membercard, nicht die rote»), ins untergegangene Indochine oder ins Pur Pur, für ein Date auch in die Sternwarte-Bar.

Der erfreuliche Irrtum

Die Lehre absolvierte Nenad Mlinarevic unweit von zu Hause, im Waldhaus Dolder. Es war eine eher zufällige Berufswahl: Sein Vater kannte den Küchenchef. Ein Glücksfall für alle Seiten. Über Thierry Kern – so hiess der Lehrmeister – sagt Mlinarevic nur Gutes. Es habe in der Waldhaus-Küche aber einen Franzosen gegeben, mit ?dem er gar nicht ausgekommen sei: «Er meinte, dass ich es höchstens zum Burgerbrater bei ?McDonald’s bringen würde.» Auch die Berufsschullehrerin traute dem «Gault Millau»-Koch des Jahres 2016 nicht viel zu, was den Erfolg für ihn noch ein wenig süsser macht. «Vielleicht hat sie jetzt ja mal von mir gehört.»

Auch er habe sich allerdings schon in einem Mitarbeiter getäuscht, gibt Mlinarevic zu. Und zwar gründlich. «Als ich im Wine and Dine in Höngg als Patissier arbeitete, hatten wir einen Lehrling in der Küche, dem ich scherzhaft riet, er solle besser Bauarbeiter werden.» Dieser Lehrling heisst Fabian Fuchs und ist heute nicht nur ein guter Freund Mlinarevics, sondern auch einer der besten Köche der Stadt, der innovativste und vielversprechendste Koch der jungen Generation.

«Fabian hat mir das Gegenteil bewiesen», freut sich Mlinarevic. «Ich bin stolz auf ihn. Sein Lokal, das Equi-Table im St.?Meinrad, ist immer voll, die Gäste sind happy, man hört nur Gutes.» Erst kürzlich standen die beiden in Fuchs’ Restaurant zusammen am Herd. Es war quasi der Prolog zu Mlinarevics Tour de Suisse, die ihn auch ins Restaurant Mesa führen wird.

Kommenden Dienstag und Mittwoch ist Nenad Mlinarevic im Restaurant Mesa Gastkoch. www.mesa-restaurant.ch

Dolder Minigolf
Zum Besuch im Wellenbad gehörte oft auch ein Ausflug auf die teilweise recht holprige Minigolfbahn. In unguter Erinnerung ist mir der Vulkan. Wenn der Ball endlich einmal schön gerade auf das Ziel zurollte, hatte er sicher zu wenig Tempo und kam wieder zurück zu mir.

Equi-Table im St. Meinrad
Das Restaurant meines guten Freundes Fabian Fuchs ist ein Ort, der glücklich macht. Es bietet kreative, moderne Küche mit grossem Augenmerk auf Nachhaltigkeit sowie eine lockere und doch stilvolle Atmosphäre.
Stauffacherstr. 163 www.equi-table.ch

Miracle
Mein Lieblingsort zum Pizzaessen. Der Boden ist aus richtig gutem Teig, dünn und knusprig. Und wenn ich hier eine Salamipizza bestelle, liegen nicht nur vier, fünf Scheibchen drauf, sondern ein grosszügiger Belag. Das Miracle frequentiere ich nun schon seit fast zehn Jahren und bin in dieser Zeit noch nie enttäuscht worden.
Fröhlichstr. 37 www.miracle-seefeld.ch

Doderbahn
Mit dem roten Bähnli bin ich bis heute verbunden. Früher war die Führerkabine der Arbeitsort meines Vaters, heute sitzt dort mein Bruder. Das Dolderbähnli brachte mich auch ins Hotel Waldhaus, wo ich meine Lehre absolvierte. Der Kindheitstraum, einmal selber am Steuer zu sitzen, hat sich bis jetzt leider trotz familiärer Beziehungen nicht erfüllt.

Bellevue
Für mich Zürichs schönster Platz, weil sich hier die Stadt zum See und den Bergen hin öffnet. Da fühlt man sich gleich freier. Rund ums Bellevue gibt es ausserdem ein breites gastronomisches Angebot. Man kann am Vorderen Sternen eine Bratwurst mit dem berühmten scharfen Senf essen, aber auch etwas Asiatisches im Globus.

Bungertwies-Spielplatz
Natürlich klettere ich heute nicht mehr auf dem Spielplatz herum, aber ich habe eine Menge schöner Erinnerungen an diesen Ort. Schliesslich bin ich im Bungertwies in den Kindergarten gegangen. Später bin ich oft hierhergekommen, um auf der Wiese Fussball zu spielen. Mein Elternhaus war ja nur einen kurzen Spaziergang entfernt.

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