Tages-Anzeiger



Die Buntmacherin

Von Simon Knopf . Aktualisiert am 24.02.2016

Heilende Wirkung soll sie haben, die Kunst von Pipilotti Rist, die vom Kunsthaus mit einer grossen Einzelausstellung gewürdigt wird. Doch wie hat Rist Zürich geprägt? Wo lässt sich ihre bunte Kunst finden? Eine Spurensuche.

Pipilotti Rists Spezialgebiet: Orte verzaubern.

Pipilotti Rists Spezialgebiet: Orte verzaubern.


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Die Ausstellung

Zum ersten Mal seit 15 Jahren erhält Pipilotti Rist in Zürich wieder eine Einzelausstellung. Das Kunsthaus Zürich zeigt mit «Dein ­Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes» einen Überblick aus 30 Jahren Schaffen der Schweizer Videokünstlerin. Zu sehen gibt es sowohl das bekannte Video «Pickelporno» von 1992 als auch neuere Werke wie den «Pixelwald». Die Installation besteht aus 3000 LED-Leuchtkörpern an Kabeln, durch die der Besucher wandern kann.

Das erste Mal fällt einem vielleicht die Puppe auf. Beim nächsten Mal ist es schon der orange Kipplastwagen für den Sandkasten oder die unscheinbare lila Plastikblume. Für mehr als einen kurzen Blick reicht die Zeit aber selten: Die Uetlibergbahn fährt zu schnell, oberhalb des Triemlis. Die Geschwindigkeit verwischt Pipilotti Rists behangenen Zaun.

Es ist eine Guerilla-Installation, welche die berühmte Schweizer Videokünstlerin unweit ihres Heims errichtet hat. Ein flüchtiges Kuriositätenkabinett, das hier an ein paar Metern ?Maschendraht hängt. Altes Spielzeug, undefinierbare Plastikstücke – die seltsame Galerie belohnt denjenigen, der beim Pendeln den Blick vom Smartphone lösen kann.

Die 53-jährige Künstlerin ist bekannt für ihre Videos von Farbwolken, Blumen und Körpern, die sich als Gegenentwürfe zu den Zwängen des Alltags lesen lassen. So ist auch dieser Zaun ganz Pipilotti Rist. Und er ist nicht der einzige Farbtupfer, den sie in der Limmatstadt hinterlassen hat.

Botschaft für Schwarzfahrer

Seit über 25 Jahren lebt und arbeitet die Künstlerin aus dem sanktgallischen Grabs in Zürich. Wer sich hier auf ihre Spuren macht, hat es freilich nicht immer einfach. So manches ihrer Werke lebt lediglich auf Fotos weiter – oder gar nur in den Erinnerungen der Stadtbewohner. Das Motto-Tram von 1998 etwa. Dieses fuhr auf der Linie 8, stets in Richtung derselben Endhaltestelle: «Achterbahn». Zusammen mit dem Desig­ner Thomas Rhyner hatte Rist den Tramwagen mit neuen Schriftzügen versehen: «Schwarzfahrer nehmen bitte hier Platz» stand über einem Sitzplatz. Oder: «Tun Sie so, als wären Sie reich.» In VBZ-Typografie wurden die Reisenden von solchen Sätzen aus dem Trott gerissen.

Gleichzeitig waren sie auch eine Aufforderung, mit anderen Passagieren ins Gespräch zu kommen. Denn das Leben in der Stadt beschäftigt die gebürtige Rheintalerin. Die Städter irritierten sie, sagte die Künstlerin einmal gegenüber dem «Magazin». «Wir ignorieren uns im Alltag oder behandeln uns unhöflich, obwohl wir uns freiwillig für eine zusammengerottete Lebensweise entschieden haben.»

Und so ist es nur logisch, dass man weitere ihrer Spuren dort findet, wo das städtische Leben besonders verdichtet ist: in der Überbauung Lochergut im Kreis 4. Die Hochhaussiedlung mit ihren über 300 Wohnungen war lange Rists Zuhause. Noch heute gilt die Künstlerin als so etwas wie die Patin des Komplexes. Im Kurzfilm ?«I Couldn’t Agree with you More» machte sie den 60er-Jahre-Bau zur Bühne einer Art Traumwanderung. Die Kamera auf sich gerichtet, geht Rist zunächst durch die Ladenpassage im Parterre. Später nimmt sie uns mit in ihre Wohnung, lässt uns aus dem Fenster auf die Stadtlandschaft blicken. Es ist ein ruhiger Film, mit dem Rist dem Lochergut jene Wohnlichkeit verleiht, welche Kritiker dem Bau bei der Eröffnung absprachen.

Für den Helmhaus-Kurator Simon Maurer war es somit ein Muss, diesen Film 2012 in der Ausstellung «Grösser als Zürich – Kunst in Aussersihl» zu zeigen. «Pipilotti Rist lässt die engste Umgebung in ihr Schaffen einfliessen. Und sie kommuniziert mit der ganzen Gesellschaft; von ganz unten bis ganz oben.» Maurer sieht in Rist deshalb eine wichtige Botschafterin für Zürich als Kulturstadt: «Sie steht für den Austausch zwischen den Menschen, für mehr Farbe im Grau der Bankenstadt.»

Medizin gegen Verbissenheit

Ja, man könnte Pipilotti Rist als Zürichs Buntmacherin bezeichnen. Oder als Medizinfrau – in Anlehnung an eine Laudatio von Bice Curiger, der früheren Kuratorin des Kunsthauses. Diese nannte Rists Kunst eine «Medizin gegen Verkrampfung und Verbissenheit». Und in Zürich scheint man auf diese Heilungsversuche gut anzusprechen: 1992 erhielt Rist den Zürcher Filmpreis, 2001 den Kunstpreis der Stadt Zürich, 2013 den Zürcher Festspielpreis.

Die Künstlerin wiederum verteilt ihre bunte Medizin gerne in der Stadt. In ihrem Spielfilm «Pepperminta» von 2009 zum Beispiel macht sie Zürich zum Spielplatz ihrer Protagonistin. Diese düst in einem erfrischend-gelben Abfallcontainer durch die Betonkühle des Enge-Fussgängertunnels. Oder springt als Badetücherknäuel im Letzibad vom Sprungbrett: eine farbige Wasserbombe in Max Frischs nüchterner Architektur.

Kunst im Wasser

Generell scheint sich Rist im Freibad wohlzufühlen. Als das Letzi 2007 nach einer umfassenden Renovation wiedereröffnet wurde, schuf Rist eigens für die Feier eine Installation. «Elektronische Huldigung des Letzis und Brios» wurde nach dem Eindunkeln gezeigt. Der Boden des Sprungbeckens war die Leinwand, die Bewegungen des Wassers verwellten die Bilder, verliehen ihnen etwas Flüchtiges.

Rist hat in Zürich auch dauerhaftere Spuren hinterlassen. Zum Beispiel die übergrosse ­Chaiselongue im Lichthof der Universität Zürich. Das Möbel aus dunklem Holz und blauem Stoffbezug wurde 2008 als Denkmal für Emilie Kempin-Spyri enthüllt, die erste Schweizer Juristin. Doch auch die Chaiselongue bringt Rists Verspieltheit an einen öffentlichen Ort: Sie ist eine Trauminsel, auf die man sich aus der fokussierten Welt des Lernens davonstehlen kann.

Den jüngsten dieser verzauberten Orte hat Pipilotti Rist im Herbst an der Bahnhofstrasse geschaffen. Im Café des ZKB-Hauptsitzes läuft eine ihrer neusten Videoarbeiten. Ein flüchtiger Blick beim Vorbeigehen reicht schon, und man wird kurz aus dem Alltag gerissen, erfrischt: Finger, die im Wasser tasten. Die Rinde eines Baumes. Eine unscheinbare lila Plastikblume. An einem Zaun.

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