Tages-Anzeiger



Der Weg nach Hause

Von Christine Lötscher. Aktualisiert am 09.03.2016

Seine Spezialität sind tiefschürfende Themen und pompöse Sätze. Jetzt liest der italienische Starautor aus seinem neuen Roman.

Wenn auch nicht von allen: Der italienische Autor wird für seine Bücher gefeiert.

Wenn auch nicht von allen: Der italienische Autor wird für seine Bücher gefeiert.


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Was passiert, wenn ein Schriftsteller eines Tages keine Bücher mehr schreiben will? Er schreibt trotzdem weiter. Er kann nicht anders – und schreibt im Geiste weiter. Genau so geht es Jasper Gwyn, dem Titelhelden von Alessandro Bariccos neuem Roman. Genau wie sein Autor – ?Baricco ist in Italien seit «Novecento» und «Seide» ein Medienstar – ist auch Gwyn mit seinen Büchern weltberühmt geworden. Doch im Alter von 43 Jahren wird ihm alles zu viel, und er notiert eine Liste mit 52 Dingen, die er nie mehr tun würde, darunter auch: Bücher schreiben.

Aha, eine Parodie auf den Literaturbetrieb, denkt die Leserin. Doch nach ein paar Kapiteln «Mr. Gwyn» stellt sich heraus, dass wir es mit einer philosophischen Reflexion über das Schreiben zu tun haben. Jasper Gwyn beschliesst nämlich, weiterzuschreiben, aber nicht als Autor, sondern als Kopist. Was er kopieren will, sind aber nicht Dokumente, sondern Menschen. Um sein Vorhaben ins Werk zu setzen, mietet er einen Raum, stattet ihn mit einer Klanginstallation aus und sucht nach Menschen, die sich porträtieren lassen möchten. Das Geschäft floriert: Die Kundschaft lässt sich darauf ein, sich einen Monat lang jeden Tag ein paar Stunden nackt in Gwyns Atelier aufzuhalten. Die kurzen Texte, die er schreibt, treffen die Porträtierten mitten ins Herz – und geben ihnen das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein. Nun mag man sich wundern, dass ein Grossschriftsteller wie Jasper Gwyn unschuldig und rein ist wie ein Neugeborenes, wenn es um Literaturtheorie geht. Denn: Das Leben in der Kunst kopieren, einfach so, das geht nicht; wir wissen es spätestens seit Aristoteles. Baricco weiss das natürlich auch und treibt sein Spiel damit – und mit seiner ­Leserschaft.

Doch irgendwann stellt selbige fest, dass sie es eigentlich mit einem postmodernen Thriller zu tun hat; mehr darf in der Sache nicht verraten werden. Man kann Baricco vorwerfen, eine allzu unverkrampfte Haltung gegenüber dem Pathos, dem Kitsch und der Lebenshilfe à la Coelho zu haben. Man mag ihm seine pompösen, pseudo­philosophischen Sätze vorhalten. Doch was das Handwerk bei der Konstruktion seiner Romane angeht, ist er ein ziemlicher Teufel.

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