Tages-Anzeiger



Der Neinsager

Von Bruno Rauch. Aktualisiert am 10.09.2014

In der Box verweigert Melvilles Schreiber die Arbeit. Und Mélanie Huber inszeniert.

Geben abwechselnd den renitenten Schreiber: Ludwig Boettger, Steffen Link, Ingo Ospelt (unten, v.l.).

Geben abwechselnd den renitenten Schreiber: Ludwig Boettger, Steffen Link, Ingo Ospelt (unten, v.l.).
Bild: Toni Suter / T+T Fotografie


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Was ist nur mit Bartleby los? Anfangs erledigt er seine Kopierarbeit in der Kanzlei «stumm, bleich, mechanisch». Doch nach wenigen Wochen beginnt er, die ihm aufgetragenen Arbeiten zu verweigern, sanft und stur: «I would prefer not to» – «Ich möchte lieber nicht». Herman Melvilles Erzählung aus dem Jahr 1853 zeigt das personifizierte «Nein» gegenüber Leistung, Gesellschaft und schliesslich gegenüber dem ­Leben selbst mit ungeheuerlicher Dringlichkeit. Der französische Philosoph Deleuze hat Bartleby einmal «unser aller Bruder» genannt. Dem tragen die Inszenierung von Mélanie Huber und die Bühnenfassung von Stephan Teuwissen auf kluge Weise Rechnung: Sie übertragen die Figur des renitenten Schreibers wechselweise den verschiedenen Mitangestellten Puter, Krabbe und Keks, die ebenfalls in diesem lichtlosen Verlies malochen.

Bühnenbildnerin Nadia Schrader macht den Bürokerker an der Wall Street mit einer dräuenden Backsteinmauer fassbar. Fritz Fenne ist der Notar, der Icherzähler, der Bartlebys ­höflich-dezidierter Verweigerung zunehmend un­erklärliches Verständnis entgegenbringt, ohne wirklich etwas dagegen tun zu können. Geschweige denn, sich darin selbst zu erkennen. Daraus ergeben sich ebenso poetisch-tragische wie skurril-komische Momente. Und wer Hubers vormalige hoch musikalische Inszenierungen, die Witz und Melancholie subtil in Einklang brachten, gesehen hat, wird auch diese nicht verpassen wollen.

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