Tages-Anzeiger



«Ich esse keine Reichen»

Von Ekr. Aktualisiert am 22.05.2013

EKR besuchte im Auftrag des «Züritipps» einen Monat lang Opernhaus-Vorstellungen. Der Zürcher Rapper berichtet von erstaunlich deftigen Darbietungen, brüllenden Dirigenten und weiss jetzt: Bier reinschmuggeln ist keine gute Idee.

Nicht von dieser Welt: Rapper EKR im Opernhaus. Hier nicht zu sehen: er trägt Turnschuhe.

Nicht von dieser Welt: Rapper EKR im Opernhaus. Hier nicht zu sehen: er trägt Turnschuhe.

EKR

Eigentlich Thomas Bollinger (42), ist ein Pionier der schweizerdeutschen Rapkultur. Und er war Mitbegründer des ersten deutschen Hip-Hop-Magazins «14K». Derzeit ist er auf der Konzeptalbum-Serie «Temple of Speed» zu hören. Bollinger ist Vater von zwei Kindern und lebt in Zürich.

Mit einigen Dosenbieren sitze ich auf den Stufen des Zürcher Opernhauses, drinnen steht man kurz vor der ersten Pause von «Lady Macbeth von Mzensk». Ein modernes Stück, erst lächerliche 83 Jahre jung. Der Grund meines verfrühten Abstechers an die frische Luft und zu solitärer Ruhe sind weder die ordentlich frisierte Gesellschaft noch die stimmgewaltigen Sänger des Ensembles; diese Auszeiten gönn ich mir, ob beim Restaurantbesuch, dem Elterngespräch oder einem Kinoabend.

Die beleuchteten Türme des Frau- und des Grossmünsters werden im Metall der Baustelle mit Seesicht reflektiert. Ich denke an den Böögg, der hier verbrannt wird, und versuche, meine Eindrücke in Worte zu fassen. Ich werde nicht behaupten, dass ich ein Staccato von einem Pasticcio oder ein Oratorium von einer Opera buffa unterscheiden kann. Sicher ist, dass die arme Frau Macbeth in dieser Oper des sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch ganz schön unter die Räder kommt: Vergewaltigung, Betrug, Intrigen, Mord und Totschlag erinnern mich an den zeitgenössischen Denker, Poeten und Philosophen Biggy Smalls (kurz B.I.G.), der mich zuvor über die Kopfhörer auf dem Hinweg mit gerappter Vulgarität berieselt hat. Eigentlich ging ich davon aus, dass wir als Rapper das Monopol auf übertriebene Darstellung von Gewalt, sexuellen Handlungen und menschlicher Dumpfheit innehaben. Ich fühle mich nach dem Opernbesuch ein wenig ausgeraubt. Als ich Tage später Julika von der Pressestelle darauf anspreche, reagiert sie gelassen und sagt, dass die Inszenierung keine Verherrlichung, sondern nur eine Schilderung der brutalen Realität sei. Diese Aussage werde ich ihr klauen, wenn es künftig darum geht, meine Prosa zu rechtfertigen.

Vom Knochengerüst . . .

Bei meinem ersten Opernhausbesuch bombardieren mich Millionen Eindrücke. Da sind die goldverzierten Wände, die roten Stühle, und da ist das Studentenarsenal, das einem hier Cüpli serviert, die Jacke abnimmt oder den Sitz zuweist. Aber behalten wir unseren Fokus auf der Bühne, wo das menschliche Stimmorgan bis an die Schmerzgrenze ausgereizt wird – Letzteres trifft auch auf die Geduld des Publikums zu. Ganz ehrlich, ich hatte meine Vorurteile. Ich dachte: Oper ist verstaubt, ein mumifiziertes musikalisches Knochengerüst aus dem 13. Jahrhundert. Tote, weisse Menschen singen in einer unverständlichen Sprache über Dinge, die mich nicht interessieren. Und nochmals ganz ehrlich: Ich weiss mittlerweile, dass dies eindimensional gedacht ist. Denn diese uralten Drehbücher von Mozart und wie sie alle heissen sind nur eine Vorlage, die Basis, der Boden für die ganze Show. Dazu kommen Interpretation, Inszenierung, Ausstattung und Bühnenbild.

Bei «Lady Macbeth von Mzensk» besteht die Bühne zum Beispiel aus einem drehbaren, multifunktionalen Teil, einem Holzblock, der als Haus, Boot oder Burg dient. Von oben, unten und der Seite purzeln ständig Menschen heraus. Extrem gut gemacht ist das, und es katapultiert dieses Knochengerüst namens Oper in die heutige Zeit.

Ich hatte den Eindruck, dass das Wichtigste aber die Performance jedes einzelnen Künstlers und des Orchesters ist. Sie hauchen dem Ganzen Leben ein. Im Opernhaus müssen Millionen von Details zusammenkommen. Gelingt dies, kann das Magie kreieren, die einen für einige Sekunden die Realität vergessen lässt. Ich muss zugeben, dass ich einige solche verzauberte Momente erlebt habe! Beim erlösenden Wasserlassen auf der erstaunlich schlichten Toilette, beim Anblick einer Angestellten, die hinter einem Tisch ein Nickerchen genoss – und diverse Male bei den Inszenierungen.

Ob einem diese Kunstform gefällt oder nicht: Diese Künstler bieten grosses Tennis! Was hinter, neben und vor der Hauptbühne läuft, ist grossartig: Von der Beleuchtung zur Tontechnik, vom Bühnenbild bis zur Logistik, um dieses unter Denkmalschutz stehende Gebäude in Schuss zu halten. Ich ziehe meinen imaginären Hut!

An dieser Stelle noch ein paar Zahlen, Redaktoren mögen das. Das vor langer Zeit erbaute Opernhaus bietet 1100 Besucherplätze, veranstaltet jährlich mit rund 70 Produktionen über 300 Events, beschäftigt um die 600 Angestellte und verschlingt ein Monster an Kohle. So, abgehakt, als Nächstes einige lebensnahe Impressionen, man behauptet, Leser mögen das.

Ich besuchte die Probe des Internationalen Opernstudios zu «Der geduldige Sokrates», einer 1721 von Georg Philipp Telemann kreierten komischen Oper. Der Dirigent Christopher Moulds, unzufrieden mit einer Textpassage, pfiff alle zusammen und machte sie auf ihre Fehler aufmerksam. Dann hüpfte er zur nächsten Szene und brüllte: «Als Nächstes Seite 67, Absatz 7, Takt! Und los!» Jede Person auf und vor der Bühne wusste, von was er sprach, respektive brüllte. Mich nervt es ja schon, 16 Rapzeilen auswendig zu lernen, geschweige denn ein fast dreistündiges Stück minutiös zu verinnerlichen. Unglaubliche Arbeit.

. . . über die Schatzinsel . . .

Yann vom «Züritipp» hatte mich diverse Male davor gewarnt, vom Hauptthema abzuschweifen und ja, lieber Journi, du hast recht. Aber das hier sind meine Eindrücke, ungeordnet, keine sauber aufgereihte Maturaarbeit. Es sind meine Brocken, die ich aus dieser goldenen Welt herausgeschlagen und mitgebracht habe.

Doch langer Rede kurzer Sinn: Bei «Madame Butterfly» hatte es mir von allem zu viel, in der ersten Pause war ich raus. Bei «Macbeth» blieb ich volle drei Stunden und war überrascht, als plötzlich der Vorhang fiel. Mit meinem vierjährigen Sohn Kiyoshi besuchte ich die Kinderoper «Die Schatzinsel» von Frank Schwemmer. Sein Kommentar: «Die singen zu viel.» Aber auch er blieb bis zum Schluss dabei und durfte dem bösen Piraten nach der Vorstellung seine extra für diesen Anlass gezeichnete Schatzkarte zeigen. Mein Highlight: der Ballettabend. Sehr schlicht gehalten, richtig gute Musik. Und ich erinnere mich gerne an die zwei Harfenspielerinnen im Mittelteil. Den ersten hatte ich im Übrigen verpasst, da zu spät erschienen. Diese Türsteherinnen kennen kein Pardon.

. . . zum Kapuzenpulli

Eine meiner ersten Notizen, die ich gemacht habe: Die Texte sind nicht gereimt. Mein Hirn erwartet aber etwas anderes, Reime sind musiklogisch, oder nicht? In der Oper pfeifen sie darauf. Und: Man sollte keine Biere reinschmuggeln (darauf wurde ich sehr höflich hingewiesen). Letzteres geht für mich in Ordnung.

Das Opernhaus ist ein Luxus – wenn wir ihn uns schon leisten, sollte man ihn auch ab und an geniessen. Er regt die Sinne an und inspiriert zu Neuem, ich werde wieder einmal da rumstehen. Auch wenn ich nie ein Fan der Oper werde, es tut mir leid! Ich kann durchaus ihren Stellenwert in der Entwicklung unserer Musikgeschichte anerkennen und mich auch dem einen oder anderen Stück unter dem Einfluss von relativ starken Beruhigungsmitteln hingeben. Ich sehe den kulturellen Stellenwert, die künstlerische Leistung, den Wert einer Oper als Touristenattraktion. Und ich erachte es als notwendig, dass sich die obere Erblichkeit mit dem Pöbel treffen kann.

Mit meinem Kapuzenpulli, den breit geschnittenen Hosen und dem Dosenbier stehe ich im Opernhaus neben dem Geschehen und sorge wohl beim einen oder anderen Stammgast für Fragezeichen. Als Eki, Strassenpoet und Stadtschamane, bin ich in diese Welt eingetaucht. Ich bin aus einer anderen gekommen, denn am Bellevue bin ich fast nie. Ich fühle mich im wüsten Kreis 4 wohl, ziehe durch Gwaltstetten und Schwamendingen und wohne im Drei. Ich kann aber alle beruhigen: Ich esse keine reichen Leute. Ich bin sowieso der Meinung, dass sie nicht besonders nahrhaft sind.

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