Die «Yuppisierung» des Seefeldes
Von Beat Metzler. Aktualisiert am 10.10.2009
Der Name eines der repräsentativsten Zürcher Quartiere ist in den letzten Jahren fast zu einem Fluchwort verkommen. Nicht weil es dem Seefeld schlecht ginge, im Gegenteil. Mit der Rede von der «Seefeldisierung» wird vor einer Explosion der Mietpreise gewarnt, die im Seefeld bereits passiert ist und nun weiteren Quartieren droht.
Das Prinzip ist einfach: Der Wohnraum in der Stadt ist knapp. Die Nachfrage steigt. Investoren kaufen alte Häuser, kündigen den bisherigen Mietern, renovieren die Häuser oder ersetzen sie durch Neubauten. Die Mieten klettern himmelwärts. Das Resultat: Menschen, die teilweise ein Leben lang im gleichen Haus gewohnt haben, müssen den Stadtteil verlassen. Quartiergemeinschaften zerfallen. Auch weil die Neumieter oft aus dem Ausland kommen, nur einige Jahre in Zürich bleiben und sich lokal wenig engagieren.
Karin Bauer hat diesen Prozess in einem SF-Reporter-Film festgehalten. Sie zeigt die Verlierer – ältere Menschen und Mittelstandsfamilien – und die Gewinner – gut verdienende Banker oder Werber. So ist ein dichtes Porträt eines Quartiers im Umbruch entstanden.
Frau Bauer, wurden Sie selber aus Ihrer Wohnung vertrieben?
Nein, ich lebe im Kreis 5. Als ich an einer Party erzählte, dass ich mich nach einer neuen Wohnung umsehe, warnte mich eine Bekannte davor, ins Seefeld zu ziehen. Da würden alle günstigen Wohnungen verschwinden. So kam ich aufs Thema.
Wie drastisch waren die Zustände, die Sie angetroffen haben?
Erstaunt hat mich der enge Raum, auf dem die Umwälzung teilweise stattfindet. An einer Strasse haben die Besitzer von drei Nachbarhäusern allen Mietern gekündigt, auch ein Handwerksbetrieb befindet sich darunter. Mit der Renovation verdoppeln oder verdreifachen sich die Mieten. Eine enorme Veränderung in kurzer Zeit.
Sie porträtieren ältere Seefelder, die sich nach über 70 Jahren ihr Quartier nicht mehr leisten können. Wie gross ist die Verbitterung?
Sie variiert. Einige sagen: Das ist der Wandel der Zeit, wir leben in einem kapitalistischen System. Andere ärgern sich und sorgen sich um die Durchmischung des Quartiers.
In Ihrem Film wird deutlich, dass die meisten bisher in sehr günstigen Wohnungen lebten.
Das kommt häufig vor im Seefeld. Die Besitzer, oft sind es Erbgemeinschaften, haben die Mieten jahrzehntelang nur geringfügig erhöht. Im Gegenzug haben sie die Instandhaltung den Mietern überlassen. Deshalb sind viele Häuser verlottert. Das macht eine Renovation sehr teuer und verleitet die Besitzer, an Investoren zu verkaufen. Dies fällt zwar einigen schwer, weil sie ein gutes Verhältnis zu ihren Mietern pflegten. Aber meistens gewinnen die finanziellen Überlegungen.
Die gezeigten Lokalpolitiker wirken dementsprechend ratlos.
Das Seefeld hat mit 7 Prozent einen für Zürich sehr tiefen Anteil an gemeinnützigen Wohnungen. Das einzige Mittel, mit dem die Stadt eingreifen könnte, wäre, selber Häuser zu kaufen. Das käme aber sehr teuer. In Schwamendingen erhält man fürs gleiche Geld deutlich mehr Quadratmeter als im Seefeld. Da stellt sich natürlich die Frage, ob das sinnvoll wäre.
Dann wird die Verteuerung ungebremst weitergehen?
So lange die Nachfrage besteht, wahrscheinlich schon. Einige Protagonisten beurteilen diese Entwicklung auch als normal und begrüssenswert.
«Vertrieben von zuhause – Die Yuppisierung eines Quartiers». 22.20 Uhr, SF 1

