Tages-Anzeiger



Bühne Aktuell Casino-Saal Aussersihl

Nicht ganz normal

Von Julia Stüssi. Aktualisiert am 09.06.2010

In «Menschen! Formen!» untersucht das Theater Hora das Anderssein - mit Getöse und Tönen, die unter die Haut gehen.

Wer ist hier der Freak? Ein Forscher und sein Untersuchungsobjekt in «Menschen! Formen!»

Wer ist hier der Freak? Ein Forscher und sein Untersuchungsobjekt in «Menschen! Formen!»
Bild: Michael Bause

Casino-Saal Aussersihl

Adresse: Rotwandstrasse 4
8004 Zürich

«Hereinspaziert, meine Herrschaften, hereinspaziert, Sie bringen das Geld und wir die Show!» Ein Mann mit Zylinder und Mikrofon lädt das Publikum an seine Freakshow und preist die schrägen Vögel an, die vor uns defilieren: ein Mädchen, das den ganzen Tag nur weint, eine Zwergenmutter mit ihrem Riesensohn, ein stinkender, brüllender Löwenmensch, ein völlig unbehaarter Mann, eine Frau, die - gefragt nach ihrer Eigenart - leichthin sagt: «Downsyndrom». Der Direktor grinst mit ihr mit und klatscht, auch er ist, wie etwa die Hälfte des Ensembles, geistig behindert.

Das Stück «Menschen! Formen!» der Theatergruppe Hora dreht sich um Figuren, die als Freaks, Wilde, Deformierte oder Unzivilisierte wahrgenommen werden. Als Vorlage dienen drei Filme: «The Elephant Man» von David Lynch, François Truffauts «L’enfant sauvage» und «Jeder für sich und Gott gegen alle» von Werner Herzog. Der körperlich entstellte Elefantenmann, der in der Wildnis aufgewachsene Victor und der rätselhafte Findling Kaspar Hauser - alle drei sind sie aufgrund ihrer Gene oder ihrer Biografie ausgegrenzte Menschen, die aufs Schmerzhafteste Sensationsgier und wissenschaftlicher Examinationswut ausgesetzt werden. Aus Fragmenten ihrer Geschichten baut das Theater Hora eine Collage über Aussenseiter schlechthin. Das Resultat besticht durch eine Urwüchsigkeit, der man sich nicht entziehen kann - gerade weil es von Experten des Andersseins erarbeitet und interpretiert ist.

Mit Posaunen und Trompeten

Da steht im Rampenlicht eine Frau, ungerührt, ausdruckslos. Ein Wissenschaftler versucht sie zu untersuchen, erst sachte, dann mit wachsendem Irrsinn und abstrusen Instrumenten - wer ist jetzt hier nicht ganz normal? In einer anderen Szene geht eine Schauobduktion in einem Getöne unter, das leise beginnt und sich zu walgesangartigem Heulen auswächst. Bis einer ruft: «Ich bin Mensch!» und damit seinen Status als Objekt ebenso hinterfragt wie die Forschung, die sich seiner bedient.

Der Soundtrack kommt von einer sich immer wieder formierenden Bläserkapelle, die beunruhigend eindringliche, ungewohnte Geräusche von sich gibt; auf Posaunen und Trompeten wird hier gespielt, aber auch auf ramponierten Schalltrichtern. «Menschen! Formen!» ist ein eigenwilliger Abend, in jeder Hinsicht und im besten Sinne.

Do 10.6. bis So 13.6., Di 15.6., Fr 18.6., 20 Uhr

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