Tages-Anzeiger



Liebe, Liebe, nenn mir deinen Namen

Von Andreas Tobler. Aktualisiert am 11.04.2012

Mats Staub untersuchte das Liebesleben von 24 Menschen. Auf seine Art. Wir haben ihn in seinem Atelier besucht.

«Wie viele Menschen hast du schon geküsst?» Mats Staub in seinem Erinnerungsbüro.

«Wie viele Menschen hast du schon geküsst?» Mats Staub in seinem Erinnerungsbüro.
Bild: Toni Suter+Tanja Dorendorf/T+T Fotografie


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Endlich Frühling, Zeit für Gefühle! Aber können Sie sich noch an all die Menschen erinnern, die Sie in ihrem Leben geliebt haben? Und wissen Sie noch, was Sie mit ihnen verbunden hat, was sie so besonders machte? Nicht auf Anhieb? Dann sollten Sie in die Gessnerallee eilen, denn dort gibts bis Ende April eine raffinierte Installation zu sehen, für die der Erinnerungskünstler Mats Staub 24 Menschen nach den Namen ihrer Lieben befragt hat: eine Einladung zur Selbstbefragung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

In seinem Atelier in Zürich-Altstetten zeigt Mats Staub die Videointerviews, die er für «Die Namen der Liebe» geführt hat: Auf den Aufnahmen sieht man junge und nicht mehr ganz so junge Menschen, die ein paar Sekunden zögern, ihre Erinnerungen durchgehen und dann die Namen der Menschen nennen, die sie geliebt haben. In der Regel sind die Videos nur halb so lang wie ein Liebeslied. Und doch steht jede Namensreihe für ein ganzes Liebesleben – oder zumindest für den Teil, an den sich die Befragten erinnern wollten. Bei seinen Interviews hat Mats Staub die Erfahrung gemacht, dass die Jüngeren unter den Befragten möglichst alle Menschen nennen, die sie geliebt haben, auch wenn der erwähnte Name dann nur für einen Flirt oder eine verpasste Chance steht. Ältere hingegen fänden oft nur die grossen Lieben ihres Lebens erwähnenswert. Bei einem reifen Mann ist es dann tatsächlich nur ein einziger Name, der für sein ganzes Liebesleben steht. Chapeau!

Staubs Installation ist aber nicht als soziologische Studie angelegt. Und er hat sie auch nicht für Voyeure gemacht. Deshalb wird er die Tonspuren von den Videos trennen und die Namen der Geliebten zu einer Liebeskomposition zusammenfügen. Diese Namensymphonie wird man hören, wenn man den Ausstellungsraum in der Gessnerallee betritt; auf Bildschirmen wird man die Befragten sehen, wie sie die Namen ihrer Lieben nennen - und dann wird man sein eigenes Liebesleben Revue passieren lassen. Vielleicht wird man ein wenig in sich hineinseufzen, wenn man sich an all die Verflossenen erinnert. Aber immer wird man dabei in die Gesichter von anderen schauen, die auch geliebt haben. Und man wird von unzähligen Namen umgeben sein, von denen jeder für einen Menschen steht, der mindestens einmal geliebt wurde. So schön!

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