Tages-Anzeiger



Feige Viecher

Von Corina Freudiger. Aktualisiert am 11.01.2012

Karin Henkel inszeniert Horváths Meisterstück. Darin fluchen Kleinbürger, verzweifelt Marianne und geistert vielfach der Tod.

Unmögliche Typen: Marianne mit dem Zauberkönig (l.) und dem schleimigen Alfred.

Unmögliche Typen: Marianne mit dem Zauberkönig (l.) und dem schleimigen Alfred.
Bild: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie


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«Ich bin kein Vieh, und ich hab auch keine Tochter», sagt der Wiener Spielzeugverkäufer, genannt Zauberkönig. Er lügt gleich zweimal. Denn er hat sehr wohl eine Tochter: Marianne. Die hat sich aber den Taugenichts Alfred angelacht, von diesem ein Kind gekriegt und steckt nun so tief drin in der Misere, dass ihr der Vater die Verwandtschaft kündigt. Ein Vieh ist er ausserdem auch, dieser Zauberkönig. Wie überhaupt das ganze Personal in den «Geschichten aus dem Wiener Wald», dem Meisterwerk des hellsichtigen Gesellschaftskritikers Ödön von Horváth: Da wird gesoffen, geschlagen, gevögelt, geflucht und gefressen, wie es fast nicht menschenmöglich ist. «Volksstück» nannte Horváth sein Drama provokativ. Statt darin allerdings gemütlich die Vorzüge seiner Zeitgenossen zu preisen, demaskiert der Autor das vermeintlich feine österreichische Kleinbürgertum schonungslos als egoistisch, bieder, brutal und geistlos.

«Geschichten aus dem Wiener Wald» ist Horváths erfolgreichstes Drama, an dem «kein Haus vorbeikommt und das jeder Regisseur, jede Regisseurin einmal machen will», wie Roland Koberg weiss. Er ist Dramaturg am Schauspielhaus Zürich. Dieses hat das Stück seltsamerweise bisher kaum je gespielt, doch damit ist jetzt Schluss: Ab Samstag wird Lilith Stangenberg als Marianne am Pfauen vergeblich um Glück und Eigenständigkeit ringen, sich von Alfred (Aurel Manthei) und dem Zauberkönig (Michael Neuenschwander) beschimpfen lassen und schliesslich müde zum Halbschuh Oskar (Matthias Bundschuh) zurückkehren. Der behauptet, bereits zu Beginn gewusst zu haben: «Marianne, du wirst meiner Liebe nicht entgehen.»

Regie führt Karin Henkel. Das ist vielversprechend, denn die Kölnerin landete mit «Viel Lärm um Nichts» letztes Jahr am Pfauen einen Hit. Damals trippelte ein vergnüglich tanzbegabter Mädchenchor durch die Inszenierung, diesmal sind mit einem Knochenmann und einer Knochenfrau wieder zwei seltsame Gestalten zugegen. Für die Musik sorgt ausserdem eine Band namens Dead Brothers. Denn «das Morbide», so Koberg, «ist in diesem Stück omnipräsent». Auch wenn sich die «Geschichten aus dem Wiener Wald» um eine Wirtschaftskrise (die der 1920er-Jahre) drehen und einem die rückwärtsgerichtete Heimatseligkeit der Figuren zuweilen erschreckend vertraut vorkommt, will Henkel den Stoff nicht in die Gegenwart transportieren. Ist auch nicht nötig, das Stück ist zeitlos: Im Gegensatz zu Horváth, der 1938 während eines Gewitters in Paris von einem Ast erschlagen wurde, haben sich die Viecher und Feiglinge, die Glückssucherinnen und Wirtschaftskrisen ohne Probleme in die Gegenwart gerettet.

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